DZZ! DZZ! DZZ!
TANZ DER VIREN II
München, der März geht zu Ende. Eine neue Woche, seit gestern ist Sommerzeit, im Park an der Biedersteiner Straße ist jede Bank besetzt. Frau Angerer hat Glück gehabt, ihr Stammplatz ist frei gewesen. Nun hat sie die Jacke ausgezogen und neben sich gelegt. Sie kneift die Augen zusammen, weil die Sonne blendet.
Ach, tut das gut!
Bald ist Ostern. Die Kinder haben sich mit den Familien angesagt. Hoffentlich hat man schönes Wetter, hoffentlich hat die „Bild“ nicht Recht. Da gab es eine Schlagzeile, man würde im April noch einmal eine Rückkehr des Winters haben.
Bitte nicht!
Hermine Angerer ist sehr müde. Nein, sie schläft eigentlich genug, abends um zehn löscht sie das Licht, vor acht Uhr morgens steht sie nicht auf. Ihre Tage sind nicht anstrengend, das nicht:
Frühstück, die Fernsehzeitung studieren, dabei Radio hören. Die Wohnung aufräumen, da braucht es nicht viel, denn Frau Angerer ist reinlich. Mittags unternimmt sie einen ausgedehnten Spaziergang, bei jedem Wetter, wenn ihr danach kauft sie sich einen Kaffee oder eine Semmel. Unterwegs ist sie in Schwabing und im Englischen Garten.
Wenn sie nach Hause kommt, ist der Tag noch immer nicht zu Ende. Sie schaltet den Fernseher ein, aber sie mag das Nachmittagsprogramm nicht. Sie kann sich nicht mit den Privatsendern anfreunden, ihr bleiben das Erste, das Zweite und das Bayerische Fernsehen. Ab fünf gibt es ein Programm nach ihrem Geschmack. Die „Tagesschau“ um acht ist Pflicht, das war schon so, als Hermines Mann noch lebte.
Sie muss schmunzeln, wenn sie sich daran erinnert. Der Mann setzte sich gerade hin, die „Tagesschau“ nahm ihren Lauf. Hermine strickte oder hatte eine Näharbeit, ihr Mann nippte an seinem Feierabendbier und hatte ein ernstes Gesicht.
Nach jeder Meldung zog Willi Angerer die Brauen hoch und schnalzte dreimal mit der Zunge.
Dzz! Dzz! Dzz!
Es war ein großer Friede im Wohnzimmer. Die Kanzler wechselten. Die Russen drohten. Der Chinese stellte Dinge an. Lawinen, Tsunamis, Mord und Totschlag.
Dzz! Dzz! Dzz!
Die Nationalmannschaft spielte gut und schlecht. Es war Bundesliga. Ab und zu eine Königshochzeit. In München gab es einen neuen Panda.
Dzz! Dzz! Dzz!
Das Wetter.
Dzz! Dzz! Dzz!
Frau Angerer hat sich immer so gut gefühlt – mit dem Dzz!Dzz!Dzz!, mit der wilden Welt und mit den anständigen Nachrichtensprechern in ihrem Wohnzimmer. Nichts konnte ihr passieren, sie war in Sicherheit.
Jetzt ist ihr Mann schon so lange tot, dass sie sich nicht mehr recht an sein Gesicht erinnern kann. Die Kinder werden fremder und fremder. Freundinnen und Bekannte machen sich rar – und wenn man sich trifft, dann redet man über das Kranksein und über die neuesten Toten.
In der „Tagesschau“ die Pestilenz der Moderne.
Und gestern nach den Nachrichten ein Wiener „Tatort“, der Hermine Angerer so verängstigte, dass sie von einem Alptraum in den nächsten geschleudert wurde.
Jetzt ist bald Ostern, die Sonne scheint – und Frau Angerer fühlt sich grauenhaft ausgelaugt. Ihr ist, als ob sie sich selber beim Hoffnungslos-Sein zusehen würde.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
