DUMM GELAUFEN
TANZ DER VIREN II
Aufwachen. In der Unterhose, mit dem Handtuch überm Arm, runter zum Bach. Waschen, bis die Haut vor Kälte brennt. Kopf ins Wasser, bis es schmerzt, das geht sehr flott. Abrubbeln, zurück joggen, in der Hütte noch einmal abtrocknen. Die Trainingssachen anziehen. Feuer machen und damit die Nachtkälte vertreiben.
Wasser aufsetzen, Tee machen. Gurken mit Essig und Öl anrichten, Brot dazu.
Hans sitzt am ungehobelten Tisch vor der Hütte, liest Dostojewski, klappt das Buch zu und blinzelt in die Sonne.
Gut hat er es, wirklich gut. Kein Maskenzwang, keine Weltkatastrophe. Er kann sich jetzt, nach seinem Ausflug ins Tal, wieder mit Gedanken beschäftigen, die ihm wichtig sind.
Wo war er stehengeblieben?
Ja, genau: Es geht um Martha Wimberger, die Erntehelferin und verhinderte Künstlerin. Es geht um den Samstagabend nach einer harten Woche im Dachauer Hinterland, es war im Frühsommer 2020.
Damals erzählte Martha von ihrem Vater, dem erfolgreichen Dachauer Landschaftsmaler. Und sie redete über Pjotr, den Polen aus dem KZ, der gerade mal so überlebt hat und sich den Alp mit Bildern aus der Gefangenschaft von der Seele zeichnen wollte.
Martha geriet außer sich. Sie stand am Bistrotisch in der Vierkirchener Tankstelle und trank und trank. Hans und die Kollegen vom Feld standen da und waren sprachlos.
—
Ich habe den Papa bewundert. Habe seinen Strich studiert und wollte Farben malen wie er. Er war ein großer Könner mit den Farben. Himmel hat er gut gekonnt und Landschaft, mit Menschen war er nicht so gut.
Als Kind habe ich ihn angeschaut wie einen Herrgott. Was der Papa gemacht hat, war richtig. Dass er die Mama verlassen hat, musste so sein, weil die Kunst das Große war, dem konnte er sich nicht entziehen.
Er ist laut und lustig gewesen. Schön und stark.
Meine Mutter hat ihn so fürchterlich geliebt. Alles hat sie ihm verziehen. Seine Weiber. Sein Saufen. Sein Sich-nicht-Kümmern. Er ist oft tagelang weg geblieben, und wenn er heim kam, musste die Mutter ihn pflegen. Wenn er gesund wurde, fehlte ihm der Alkohol, da hat er oft zugeschlagen.
Die Mutter hat es ertragen. Sie ist seinem Lachen verfallen gewesen, abhängig war sie von ihm – und treu wie eine geprügelte Hündin.
Mich hat das nicht sehr interessiert. Ich fand den Papa himmlisch. Er konnte alles, er wusste alles. Er hat mich in die Höhe gehoben und im Kreis geschwenkt – dann konnte ich fliegen.
So war er.
Und das Malen!
Aus der leeren Leinwand wuchsen die Berge und das Moor und die Stadt. Der Papa mischte auf seiner Palette das Himmelblau, und es war schöner wie in der Natur.
Seine Hand war so sicher. Die Augen hat er zusammen gekniffen, hernach hat er sich wieder auf den nächsten Strich konzentriert – und nach und nach ist ein ewiges Leben ins Bild gekommen.
So war er als Maler.
Da war dann diese Ausstellung. „Der Dachauer Künstlerweg“, ein Bild vom Vater war dort auch ausgestellt. Ich habe vor dem „Zieglerbräu“ gesessen und mich gefreut. Habe ein Bier gehabt und in der Heimatzeitung gelesen. Da stand die Lebensgeschichte von diesem Pjotr.
Und mir ist auf einen Schlag klar geworden, was für einer mein Vater war:
Während die Leute im KZ verreckten, hat er eine schöne Landschaft gemalt.
Dieses Arschloch. Dieses verfickte Arschloch.
Das war der Tag, an dem ich aufgehört habe mit der Kunst.
—
Was soll man da noch groß sagen? Man hat sich betrunken – Hans nicht, er hielt sich am Kaffee fest. Die Martha hätte er in den Arm nehmen sollen und trösten. Er hätte sie heimbringen sollen.
Was hat er gemacht?
Als die Anderen zu betrunken wurden, hat er gesagt „Ich pack’s dann“ und ist nach Hause geradelt.
Wie er am nächsten Montag erfuhr, hat es die Martha an dem Wochenende aus der Kurve geschleudert. Zwei Tage ist sie nicht zum Arbeiten gekommen.
Und dann hat sich der Hans auch nicht getraut, etwas zu ihr zu sagen.
Jetzt sitzt er in der Sonne vor der Hütte und denkt, das ist ein Fehler gewesen seinerzeit.
Ziemlich großer Fehler.
Sorry, Martha.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
