NULL PUNKTE
TANZ DER VIREN II
Seit zwei Monaten hat Hans den „Spiegel“ nicht mehr in der Hand gehabt.
Nun schlägt er ihn auf – auf einer Parkbank vor dem Franz-Marc-Museum in Kochel, neben sich einen warmen Kaffee und eine Tüte mit Brezn, vor sich die untergehende Sonne, neben sich den Rucksack mit den Einkäufen – und er spürt bei der Berührung des glatten Papiers eine schöne Andacht. Der „Spiegel“ wiegt soviel wie ein Laufschuh oder eine kleine Frauenbrust oder ein großer Semmelknödel, er wiegt weniger als früher, aber es ist der „Spiegel“. Die Samsung-Anzeige auf der Rückseite ist unattraktiv und in Blautönen, das Cover eine quietschgelbe Farbfläche, auf der steht:
DUD*IN
GENDERGERECHTE SPRACHE
IST DAS NOCH DEUTSCH?
Der Kulturkampf um die Sternchen
Das wird er in Ruhe auf dem Berg studieren.
Jetzt nur schnell durchblättern und die Vorfreude anfeuern. Was ihn wohl erwarten wird, wenn er sich oben auf der Hütte mit dem „Spiegel“ der Woche und mit dem Leben der Anderen beschäftigt?
Es reicht! Die Krisenpolitik wird zur Farce. Der Gesundheitsminister sollte zurücktreten.
Germany, null Punkte.
„Muslime sind nicht integrierbar.“
Die neue Politik des Negativen.
Gegen neun Uhr fehlen plötzlich 2000 Megawatt, die Leistung von zwei Atomkraftwerken.
Rationaler Irrsinn. Die Menschen reißen sich um Aktien, Bitcoins, Immobilien und Rohstoffe. Hat niemand Angst, dass die Blase platzt?
„Uns läuft die Zeit davon.“
Giganten des Drecks.
Künstliche Ignoranz
„Europa treibt ein sehr riskantes Spiel.“
Verzweiflung in Beirut.
Myanmar: Drohendes Blutbad.
„Der Papst fühlt unseren Schmerz.“
Chronist des Grauens
„Was mich am Leben hält, ist, dass ich hier helfen kann. Wenn ich nichts machen könnte, würde ich mich einfach auflösen und verschwinden.“
„Der Kreml und Putin wollen keine Freunde. Sie versuchen die Demokratie zu untergraben, durch Korruption, durch Desinformation.“
Meist bleibt Trump ein Phantom, ein Exilant hinter Schutzmauern und Zierhecken. Draußen bewachen schwarz gekleidete, schwer bewaffnete Cops die Einfahrten am South Ocean Boulevard. Drinnen, im neuen Büro über dem Ballsaal, assistiert von einem kleinen Beraterstab, verbringt Trump seine Tage damit, seine Zukunft zu planen – und seine Rache an denen, von denen er sich verraten fühlt.
Wenn Kenichi Hasegawa von seinem Bauernhof in die Landschaft blickt, spürt er Einsamkeit und Wut. Seine Milchkühe, 50 an der Zahl, wurden notgeschlachtet und entsorgt.
Tödlicher Schaum.
„Wir müssen die Nerven behalten.“
Das Gift des Ruhms.
„Die nächsten zehn Jahre werden verrückt. Das wird ein wilder Ritt.“
„Von morgens bis abends daran zu denken, dass die Welt untergeht, das ist kein Spaß.“
Gott ist schwul.
Kampf ohne Sieger. Doping. Lässt sich das Kontrollsystem missbrauchen, um Athleten fertigzumachen?
Nachruf. Chris Barber. Er war ein Popstar unter den britischen Jazzmusikern. Paul McCartney bedankte sich bei ihm in den Sechzigerjahren, indem er das Instrumental „Cat Call“ schrieb. Später spielte Barber mit seiner Band auch komplexe Kompositionen von Charles Mingus und Joe Zawinul und arbeitete mit Musikern wie Van Morrison zusammen. Bis ins hohe Alter hielt er sein Ensemble zusammen und gab mit ihm Konzerte.
Nachruf. Hannu Mikkola. In der Rennsportszene bekannt als der „fliegende Finne“ wurde er nicht nur in seiner Heimat eine Legende.
Leserbrief: „Das riesige moralische Problem ist, dass Politiker, die durch die Krise in keiner Weise materiellen Schaden erleiden, die Entscheidungen treffen und nicht dafür geradestehen müssen. Frau Merkel hat das im Interview auf abschreckende Weise bestätigt: Man habe im Großen und Ganzen keine Fehler gemacht. Diese Arroganz ist unerträglich.
Hans trinkt aus. Er schultert den Rucksack, den „Spiegel“ wirft er in den Müllkorb neben der Bank. Er will das Ding nicht oben auf der Hütte haben.
Durch den Park geht er zu den Bergen. Im Wohnzimmer eines der letzten Häuser vor dem Wald läuft auf einem Großbildschirm „Cagney und Lacey“.
Hans bleibt stehen und schaut über die Hecke zu den stummen Bildern. Die Polizistinnen jagen im New York der Achtziger einen Verbrecher durch Manhattan Durch die Straßen eilen geschäftige Menschen. Manche rauchen, andere tragen Zeitungen. Keine Masken, das pulsende Leben, alles hat eine Zukunft.
Es ist wundervoll gewesen. Hans stand mehr auf Cagney – aber Lacey hätte er auch…
Er marschiert auf den Berg. Noch drei Stunden, dann ist er in der Hütte. Und morgen denkt er wieder an Martha Wimberger.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
