DER KÜNSTLER LEIDET
TANZ DER VIREN II
Pjotr ist ein dunkelhaariger wilder Junge gewesen. Das Dorf durchlief er in fünf Minuten. Es hatte eine Kirche, einen Trinkraum für die Männer, den großen Hof des „Herrn“, es hatte die Nachbarn und die Nachbarn neben den Nachbarn – dahinter war das Dorf zu Ende.
Pjotr bekam von seiner Mama einen Bleistift und begann zu zeichnen.
Die Kirche. Den Trinkraum und die Männer. Den Hof vom „Herrn“, die Pferde vom „Herrn“, die Familie des „Herrn“. Die Nachbarn. Die Nachbarn hinter den Nachbarn.
Einer hat die Zeichnungen gesehen und gesagt, der Junge muss…
Also kam Pjotr an die Akademie.
Und gemalt hat er wie besessen.
Die Freude am Verrücktsein, die Feste, das Kaffeehausleben. Besoffen am Sein.
Der Maler hat sich nicht darum gekümmert, was der Hitler machte.
An einem Morgen wachte er auf und freute sich über eine neue Frau in seinem Bett. Pjotr schlurfte durch das grässlich unaufgeräumte Zimmer, er wollte Teewasser aufstellen – da wummerte es gegen die Wohnungstür.
Danach war er eine von den Nummern.
Flossenbürg. Neuengamme. Dachau.
Dafür brauchte es keine Pinsel und keinen Bleistift.
—
1944.
Schöner Novembertag. Walter Wimberger geht es gut. Er hat zur eigenen Befriedigung mit einer jungen Frau (Studentin aus seiner Klasse) gefickt. Hernach hat er sie bis zum Zug am Bahnhof Dachau gebracht und auf Nimmerwiedersehen verabschiedet.
Nun ist er frei. Die Begierde drückt ihn nicht, er kann sich ganz der Kunst überlassen.
Wimberger schultert die Staffelei und marschiert durchs Dorf hinaus in die Landschaft. Ein schmuckes Mannsbild ist er, mit seinem schwarzen Paletot und dem verwegenen breitkrempigen Hut.
Der Wimberger, sagen sie in Dachau, wird mal ein Großer. Er ist ja schon ziemlich einer.
In Öl malt er, der Wimberger.
Waschweiber an der Amper.
Pferdeknechte beim Rasten.
Das Gebirge, mit vorndran dem Dachauer Moos.
Jetzt, an diesem ungewöhnlich freundlichen Novembertag des Jahres 1944, stellt Walter Wimberger die Staffelei auf einem Höhenrücken oberhalb des Biergartens Mariabrunn auf.
Er summt ein Lied – Wimberger mag die Musik.
Mischt auf der Palette einen Blauton.
Heute ist der Himmel dran.
Schweres Problem:
Die Wolken ziehen in Grau und Weißgrau westwärts. Sie sind wie abgebrochene Wellen, sie haben keine einheitliche Farben. Und der Himmel, unter dem sie ihren Lauf haben, wie ist der eigentlich?
Blau? Stählern? Nicht-blau?
Probleme. Nichts als Probleme. Der Wimberger seufzt, weil das Leben so schwer sein kann.
—
1944. November, ein milder Tag.
Ein paar Kilometer südwestlich vom grübelnden Maler Wimberger schubsen sie den Pjotr im KZ zu seinem Pferch.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
