HER MIT DEM LEBEN!
TANZ DER VIREN II
Martha stand am Bistrotisch der Vierkirchener Tankstelle , zusammen mit fünf Anderen.
Eine puppenzarte Schauspielerin, die gerade um den Beginn ihrer Karriere gebracht wurde. Sie hätte eigentlich in Ungarn ihren ersten Film drehen sollen, aber nun war erst einmal Schluss mit Kino.
Ein Zweistreifen-Pilot der Lufthansa, deren flügellahme Flotte in den Hangars auf den Neubeginn wartete.
Ein Ex-Soldat ohne Arbeit und ohne Zukunft.
Hans, der den Winter als Penner überlebt hatte und für den die Feldarbeit die Rettung war.
Sie tranken Bier – Hans hielt sich an Kaffee – und hörten Martha zu, wie sie von Pjotr sprach. Es kang wie eine charmante rustikale Geschichte vom Lande – Martha kam aus der Gegend und erzählte im Singsang des Südens so spannend, dass sich die Vier wie in einen Film versetzt fühlten:
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1944.
Es ist ein schöner Novembertag in Dachau. Im Süden ist der Föhn und hat in den letzten Tagen die Nebel aus dem Land getrieben.
Neue kommen ins Konzentrationslager. Sie werden in ihre Baracken verteilt und legen den Rest ihrer Habe auf ihre Pritschen. Gesprochen wird kaum. Die Männer, die schon länger hier sind, haben verlernt, mit Menschen zu reden. Pjotr, der Pole, kennt das. Er war schon in Flossenbürg. Und in Neuengamme. Pjotr weiß, was er braucht, um hier vielleicht zu überleben.
Vor allem ist wichtig: nicht reden.
Er fügt sich.
Es wird ein Neues Jahr. Pjotr und die Menschen um ihn herum wissen nicht, wie sich der Globus dreht. Sie überleben den Frost und die Aussortierungen, eigentlich überleben sie auch sich selbst.
Bis Ende April die Amis übernehmen. Man hat es gehört, wie vor den Mauern des Konzentrationslagers geschossen worden ist. Auf einmal wird es still.
Und Stunden später stehen in der Krankenstation, neben den Leichenbergen, vor den Baracken amerikanische Soldaten. Sie lächeln entsetzt.
Soviele Skelette. Lebendig und tot. Soviele.
Pjotr wiegt bei der „Befreiung“ grade mal 45 Kilo.
Er ist ein schmucker Mann gewesen, einstmals. Einer mit den Bauern-Wurzeln, einer, der es gemacht hatte aus dem polnischen Dorf im Nirgendwo, bis an die Warschauer Akademie der Künste. Pjotr malte – gern in Aquarellen, Öl war ihm zu schwer – die Menschen, die er mochte.
Lachende und tanzende junge Frauen in weiten Röcken, Frauen, die gerne geliebt werden wollten.
Alte Frauen über den Kartoffeln oder der Strickarbeit. Sie hatten geliebt, Kinder groß gemacht, jetzt waren sie faltig und voller Verständnis.
Pjotr verehrte diese Frauen.
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Der junge Maler hat Nächte lang getanzt, die Mädchen haben ihn geliebt. Lebenshungrig, lustig und leidenschaftlich ist er gewesen, einstmals.
Pjotr hat Männer gezeichnet, die voller Muskeln und voller Lachen waren. Er hat Feste gemalt, bei denen alles aus den Fugen geriet. Die Musik. Das Saufen. Die Frauen und die Männer.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
