PJOTR MALT KZ
TANZ DER VIREN II
A propos Franz Marc – vor einem Jahr hat Hans eine Frau kennen gelernt hat, die über den Maler Marc ziemlich gut Bescheid weiß.
Auf dem Feld hat er sie getroffen. Wie er hat sie sich beim Bauern etwas dazu verdient.
Martha.
Immer freundlich. Zerarbeitet und zäh. Sie war nicht kleinzukriegen auf dem Acker und hat nicht gejammert.
Einmal haben sie mittags nebeneinander gesessen. Sie hatte Butterbrote, einen Apfel und Wasser dabei, aß und trank mit Genuss. Danach steckte sie sich eine Zigarette an.
Hans fragte sie, ob sie sich in der Landwirtschaft auskenne. Ihr ginge die Arbeit auf dem Feld so gut von der Hand – als sei das nichts Fremdes für sie. Da habe er gedacht, dass sie vielleicht…
Martha lachte. „Das habe ich von der Mutter gelernt. Wir haben hier in der Gegend gewohnt, die Mutter, die Schwestern und ich. Viel haben wir nicht gehabt, es hat auch keinen Mann gegeben, der die schwere Arbeit gemacht hätte. Einstellen konnte die Mama keinen, dafür hat das Geld nicht gelangt.“
Und der Vater?
Ja, das mit dem Vater ist so eine Geschicht‘ gewesen. Am liebsten würde sie nicht drüber reden, bitteschön.
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Später hat sie dann doch erzählt. Es war an einem Samstagabend, als die Erntehelfer noch etwas in der Tankstelle getrunken haben. Hans hatte Kaffee, die Anderen Bier. An einem Stehtisch hat die Martha gesagt, dass sie furchtbar lang gebraucht hat, bis sie ihren Vater hasste. Und der Grund war nicht einmal, dass er die Mutter sitzen hat lassen.
„Ich war schon erwachsen. Ich wollte Malerin werden, weil der Papa einer war. Fast zwei Jahre war ich schon an der Akademie und hatte auch schon zwei Ausstellungen – da ist mir bewusst geworden, was er für ein Arsch war.“
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Es passierte an einem Tag, an dem unterm Dachauer Schloss der Flieder blühte. Martha wollte eine Ausstellung besuchen. Sie saß vor dem „Zieglerbräu“, hatte ein Bier vor sich und las, während sie auf einen Bekannten wartete, die Heimatzeitung.
Da stand die Geschichte von Pjotr.
Martha las sie, dachte an ihren Vater. Der Bekannte kam, sie wollte ihn nicht mehr sehen, sie fuhr von Dachau zurück nach München, saß tagelang in ihrem Atelier, dachte an Pjotr, erinnerte sich an ihren Vater.
Danach hat sie nie mehr ein Bild gemalt, und eigentlich war ihr Leben im Arsch.
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„Warum?“, hat Hans gefragt.
„Mein Vater hat mir ein Bild hinterlassen, als er starb. Im August ‘75 haben wir ihn begraben. Das Bild war ein Ölgemälde, ziemlich groß, einfacher Holzrahmen. Landschaft bei Dachau im Herbst. Vorne die Amper am Horizont die Alpen. Dazwischen das Moos in allen Brauntönen. Drüber ein Himmel, an dem die Hölle los ist. Ein großartiges Bild. Das habe ich gesehen und wollte nur noch Malerin werden – wie der Papa.“
„Und?“
„Naja, ich habe aus dem Erbe bekommen, was vom Maler übrig gewesen ist. Leinwände, Pinsel, Farben, eine Staffelei. Sogar seinen Arbeitsschurz habe ich genommen, einen blauen verwaschenen voller Kleckse. Ich habe es geliebt, den umzubinden und zu arbeiten. Ich habe Kunst studiert und bin Malerin geworden.“
Dann war doch alles paletti?
„Nein, war es nicht. In der Zeitung – damals beim “Zieglerbräu” – stand, dass ein gewisser Pjotr 30 Bilder gemalt hat, nachdem er 1945 von den Amerikanern aus dem KZ Dachau befreit worden ist. Ein Pole ist er gewesen – und er ist am Sterben gewesen, als die Amis kamen.
Er hat weiter gelebt. Er hat gemalt. 30 grauslige Bilder aus dem KZ-Alltag.
Ich habe versucht, mehr über Pjotr zu erfahren. Das war nicht gut für mich. Weil mir klar geworden ist, dass mein Vater sein Landschaftsbild genau in den Tagen gemalt hat, in denen Pjotr im Konzentrationslager fast gestorben wäre.“
Es war für sie fast nicht auszuhalten, hat Martha erzählt.
Hans war so erschrocken, dass er sich nicht traute, die weinende Frau in den Arm zu nehmen. Die anderen Wochenend-Trinker holten aus dem Kühlregal der Tankstelle noch eine Runde. Nüchtern ließ sich Marthas Erzählung nicht recht aushalten.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
