OH, FRANZERL!
TANZ DER VIREN II
Heute Nacht war Vollmond, deshalb hat Hans umstritten geschlafen. Jetzt, nach der Brotzeit neben dem Rabenkopf, ist er hellwach.
Er blickt den Südhang hinunter. 200 Meter unter ihm liegt die Staffelalm in der Sonne. Kein Leben rührt sich dort. Das Licht ist hart, die Schatten haben scharfe Ränder. Die geduckte langgestreckte Hütte wirkt kalt und unbehaust – ein ungemütliches Stilleben.
Oh Franzerl! denkt der Hans. Ist jetzt auch schon 110 Jahre her, dass Du auf der Alm Deine Malereien und Dein Gevögel gehabt hast. Ein rechter Hund bist ja schon gewesen, Franz Marc.
Hans stellt sich vor, wie das damals gewesen ist.
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Im Land draußen ist noch nichts von den großen Katastrophen zu spüren. Bald wird es einen Weltkrieg geben, bald wird die Spanische Grippe über die Menschen kommen. Aber noch ist man gemütlich und unwissend.
Von der Staffelalm kommen eine Frau und ein Mann. Groß gewachsen ist der Herr und braungebrannt. Er hat schöne Wochen mit seiner Liebschaft gehabt, jetzt ist es ihm pressant.
Der Maler von der Alm drängelt. „Geh‘ zu Schatz, der Zug wartet nicht.“ Sie hasten durch den Ort. Sie hat apfelrote Backen, weil sie schwer an ihrem Gepäck schleppt und den langen Schritten des Mannes kaum folgen kann. Die Menschen in den in den Straßen sehen den Beiden belustigt und ein wenig wissend zu.
Hat der Maler wieder mal ein Gspusi auf der Alp gehabt. Er kann es halt nicht lassen.
Franz Marc schiebt die Frau in den Zug, der dampft in Richtung München aus dem Bahnhof von Kochel. Franz Marc wischt sich mit dem Schneuztuch den Schweiß aus dem Gesicht und geht zum Wirt neben dem Bahnhof. Er kauft sich eine Maß, nachher wird er beim Kramer noch ein paar Flaschen Roten mitnehmen.
Hastig trinkt er das Bier, dann eilt er zurück zum Bahnhof. Kommt gerade rechtzeitig. Der Zug aus München macht seinen letzten Schnaufer. Aus den Waggons steigen Bauern und Dörfler, als Letzte lässt sich eine hübsche Städterin das Gepäck aufs Perron heben.
Sie ist nicht gerade passend gekleidet. So flaniert man über den Odeonsplatz, so geht man nicht ins Gebirge.
Sei’s drum!
Franz Marc läuft zu der Schönen, hebt sie in die Höhe und dreht sich einmal um sich selbst.
Sie gurrt.
„Narrisches Mannsbild.“
„Lass uns gleich los“, sagt er. „Ich kann es nicht erwarten.“
„Ist es weit bis zu Deiner Alm?“, fragt sie.
„Naja, andere Schuhe könntest anziehen. Wennst welche hast.“
Sie hat. Wechselt die Schuhe noch am Bahnhof. Und dann nix wie rauf. Jessas, ist das Leben schön.
—
Hans verschnürt den Rucksack, schultert ihn und marschiert ins Tal. In Gedanken ist er bei Franz Marc, bei Martha vom Feld (das war vor einem Jahr) und beim Nazi-Maler…
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
