DEUTSCHMEISTER
TANZ DER VIREN II
Was tut ein menschenloser Klabauter in München? Er sucht sich eine neue Heimat.
Für mich war das nicht schwer. Mit der Lola Montez bin ich viel in der Stadt herum gekommen. Da sind mir die Diezens aufgefallen. Ernst Friedrich und Sophie machten was her in der Stadt, sie waren beliebte Schauspieler und sangen in der Oper. Bei ihnen war immer was los.
Habe mich bis in die Achtziger prächtig im Haus Diez amüsiert. Dann begannen Sophie und Ernst zu kränkeln, ich habe mich gelangweilt und es hat mir gegraust, da wechselte ins Haus von Oskar von Miller.
Das war einer nach meinem Geschmack. Stinkreich, verschlagen, mächtig. Vor nichts hatte er Angst, dem konnte ich Dinge einflüstern, die sich sonst niemand traute. Hatten wir einen Spaß, als wir das Deutsche Museum bauten! Die Sponsoren hatten die Hosen gestrichen voll und wollten nicht zahlen, aber Oskar klopfte sie alle weich.
Was glaubt Ihr, wer dahinter steckt, dass es an der Isar so eine große Maritim-Abteilung gibt?
Das war dem Muckl sein Werk.
Als von Miller älter wurde als sein Rauschebart, habe ich mich lieber vom Acker gemacht. Ich wollte zu den Braunen, denen gehörte die Zukunft. Bin zum Adolf Wagner gezogen. Der kam aus Lothringen, war Soldat und Burschenschaftler mit Schmiss, Verleger und Geschäftsmann ohne Skrupel, hasste die Juden, liebte die Braunen – und mit mir hat er Karriere gemacht.
Der Hitler hat seinen bayerischen Wagner geliebt und zum Gauleiter gemacht. Adolf und ich residierten in der Kaulbach-Villa und regierten die Bayern mit Schrecken und Scheuseligkeiten.
Wir waren großartig. Ich flüsterte dem Adolf die Bosheiten ein, er exekutierte sie.
Ich regelte auch die Geschichte mit seiner Gattin.
Zum Schein hatte er geheiratet. Ein deutscher Mann, ein germanisches blondes Gretchen. Sie war verschwiegen und zäh, sie kümmerte sich nicht um die Liebschaften ihres Mannes. Diese jungen Kerle mit blauen Augen interessierten die Frau Gauleiter nicht.
Aber München war ein Dorf, sozusagen. Das Schwulsein des Gauleiters war Tuschelthema.
Adolf Wagner wusste sich keinen Rat. Gut, dass er mich hatte.
„Bau Ihr ein Haus in den Bergen, schieb‘ sie ab.“
Ich sagte es, er tat es. Die Frau Wagner kriegte ihre Hütte in den Ammergauer Bergen und war fortan verräumt.
Es hätte alles so schön werden können. Ich richtete mich schon auf ein Tausendjähriges Bayern-Paradies ein, da verließ den Adolf in Berlin der Verstand. Während er die Welt nicht eroberte, ist mir auch der Gauleiter weg gestorben. Zuerst ein Herzinfarkt. Hernach der Krankenstand in Reichenhall. 1942 Tod und ehrenhaftes Begräbnis in München.
Und ich, der Muck, auf der Straße.
Bomben und Weltuntergang.
Andere Klabauter schlüpfen in solcher Not schon mal bei schlichten Schreinern unter.
Ich nicht.
Ich habe mir noch vor Kriegsende den Thomas Wimmer ausgesucht. Der war zwar auch ein Schreiner, aber aus dem Grund bin ich nicht sein Klabauter geworden. Auch nicht, weil er im KZ von Dachau gewesen ist.
Ich habe mir gedacht, wenn der Krieg ein Ende hat, ziehe ich beim ersten neuen Bürgermeister von München ein.
Und das war der Thomas Wimmer.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
