OH, MEIN PAPA!
TANZ DER VIREN II
Streng war er geworden. Unberührbar, unnahbar. Still, wortwidrig. Rüde und rau.
Ahmed war nicht mehr der Papa von einst.
Sie wohnten in dem neuen schönen Haus der Träume. Sie, die Türken, waren in Haldertal angesehene Mitbürger.
Aber die Unschuld des Lebens war weg.
Der Bruder war nur noch für den Sport da. Die Mutter war nur noch traurig.
Der Vater:
Herrschsüchtig. Streitend. Taub. Laut.
Sie, Hatice:
Klein, jung, schön, biegsam, betroffen.
Sie lachten nicht mehr zuhause.
Der Vater fing an, seiner Tochter Dinge zu verbieten.
Sie durfte nicht bei Klassenfahrten dabei sein. Ins Freibad ließ Ahmed seine Tochter nur in Begleitung. Aber der Bruder hatte keine Lust. Und die Mutter war nicht in der Laune für fröhliches Schwimmen.
Ahmed kontrollierte Hatices Wäscheschrank. Den Bikini beschlagnahmte er, den BH mit Spitze auch. Kurze Röcke waren verboten, Makeup ohnehin.
Da hatte er es nun endlich geschafft und war jemand in dem kleinen Allgäuer Dorf. Jetzt hätte er sich freuen können – aber alle Gelassenheit war weg. Ahmed brütete jetzt stundenlang über dem Koran, doch froh machte ihn das nicht.
Mit 15 verliebte sich Hatice zum ersten Mal. Der Junge war aus dem Dorf – schüchtern und unschuldig. Hatice ermunterte ihn zum Knutschen nach der Berufsschule. Der Vater wurde misstrauisch, stellte seine Tochter zur Rede. Hatice log nicht – sie bekam die erste Ohrfeige von ihrem Papa.
Mit 17 wollten sie und ihre Freundinnen Urlaub im Süden machen. Nein, sagte der Vater.
Mit 18 hatte sie den ganz großen Krach. Ahmed erklärte, nun sei die Tochter im heiratsfähigen Alter, er habe sich seine Gedanken gemacht. Er kenne da einen jungen Mann aus dem Nachbarort seiner Heimatgemeinde. Vielleicht sei es gut, man plane fürs Jahr die Hochzeit.
Hatice war so überrascht, dass ihr nichts einfiel. Nach längerem stummen Entsetzen sagte sie:
„Nein.“
Ohrfeige. Der Vater brüllte, sie ging wortlos weg. Packte ihre Sachen, rief eine Freundin in München an, sie nehme den letzten Zug. Hatice fuhr in die Stadt, ohne ihre Stelle in Heimkirch gekündigt zu haben.
Die Freundin holte sie vom Bahnhof ab, sie redeten die ganze Nacht. „Ich gehe nicht mehr zurück“, sagte Hatice. „Und mit dem Vater rede ich nie mehr ein Wort.“
Sie suchte sich Arbeit und eine Wohnung.
Fürs Freibad und den Urlaub auf Mallorca kaufte sie einen Bikini.
—
Haben die Münchner eigentlich nach neun Uhr abends noch Hausarrest, oder ist das Ausgehverbot schon wieder aufgehoben? Hatice weiß es gar nicht. Sie sieht aus dem Fenster, kein Mensch ist auf der Straße.
Die junge Frau ist niedergeschlagen und weiß sich keinen Trost. Ich habe wohl einen Lagerkoller, denkt sie, alle haben einen Lagerkoller.
Hatice denkt an die Mutter und den Bruder. Soll sie zuhause anrufen? Eher nicht, um diese Zeit ist der Vater daheim, sitzt wohl in seinem Stuhl und liest den Koran. Ihm gehe es nicht mehr so gut, hat die Mutter beim letzten Telefonat erzählt. Er könne nicht mehr schwer heben und sei sehr kurzatmig. Zornig sei er überhaupt nicht mehr, nur immer traurig. „Er fragt manchmal nach Dir“, hat die Mutter gesagt. „Es tut ihm so leid. Du musst ihm verzeihen.“
Hatice sieht das Telefon an. Sie schüttelt den Kopf. Setzt sich.
Morgen Vormittag hat sie eine Video-Konferenz mit Kollegen. Danach muss sie an der wichtigen Präsentation arbeiten. Mittags wird sie im Englischen Garten joggen. Einkaufen muss sie, Wäsche machen. Vielleicht loggt sie sich abends in diese Partner-Sache ein. Hoffnungen macht sie sich da nicht, aber was soll sie tun. Sie will jemanden kennen lernen, ihr fehlt ein Mensch.
Sie schaut wieder auf das Telefon.
Ob der Vater richtig krank ist? Ob er sterben wird?
Ihr ist schlecht.
Hatice geht zum Telefon. Sie wählt die Nummer in Haldertal.
Es klingelt dreimal, sie will gerade auflegen, da meldet er sich.
„Ja?“
Der Papa.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
