NEWS GUCKEN
TANZ DER VIREN II
Wie die Zeit vergeht, wenn die Gedanken flügge sind!
Hatice will keine Musik mehr, sie schaltet den Fernseher ein. Es ist acht, Zeit für die Nachrichten. Seit sie nicht mehr ausgehen darf, sieht sie jeden Abend die Acht-Uhr-Nachrichten.
Eigentlich, denkt sie manchmal, ist es ein Blödsinn, sich all das reinzuziehen: Es beginnt mit der großen Krankheit. Dann wird einem erzählt, dass alle beschissen dran sind, die Amis und die Chinesen, die Schweden und die Türken. Dann erklären – es sind immer dieselben – Politiker und Wissenschaftler und andere Experten, was man von den Nachrichten zu halten hat.
Die Nachrichten sind nach einer Viertelstunde zu Ende, ab und zu schließt sich noch ein zehnminütiges „Spezial“ an, das guckt Hatice auch noch.
Danach ist sie bedient. Sie hat keinen Mut für morgen, heute ist ohnehin beschissen, und gestern ganz weit weg.
Sie sollte keine Nachrichten gucken, die tun ihr nicht gut. Aber sie schaltet ein, jeden Abend um acht.
Heute erfährt sie, dass die Österreicher die Aussätzigen der Stunde sind. Sie dürfen nicht mehr aus dem Land, sie könnten den Rest der Welt, vor allem alle Bayern, anstecken. So jedenfalls sagt es der Ministerpräsident der Bayern, der Herr Söder. Er erinnert daran, dass schon einmal die Tiroler mit ihrem Winter-Tourismus schuld an allem gewesen sind. Damals ging alles Böse vom wildgewordenen Ischgl aus.
Diesmal also wieder die Tiroler. Die verbreiten im Augenblick eine südafrikanische Pest der Neuzeit.
Also: Grenzen dicht!
Schade. Hatice mag Tirol und seine Berge. Schon als junges Mädchen ist sie mit dem Skiclub Heimkirch regelmäßig zum Trainieren auf Tiroler Gletscher gefahren. Sie mochte auch die Wochenend-Trips mit Münchner Freunden. Tagsüber Skilauf und Speckknödel, abends Party. Hatice übernahm das Chauffieren, sie fühlte sich frei und frohfrohfroh. Einmal lernte sie sogar einen Jungen kennen, aus der Geschichte hätte mehr werden können. Aber er war, zurück in München, anders als in den Bergen. Er hatte etwas Bestimmendes, er erinnerte sie an den Vater, mit dem sie sich zerstritten hatte.
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Als sie noch in der Baracke lebten, war der Vater ein sanfter Mann. Oft müde von der Arbeit. Abends setzte er sich an den Esstisch, nachdem er den Kindern über die Köpfe gestrichen hatte, und aß wortlos. Danach sank er in seinen Lehnstuhl – der war abgewetzt, ein Mitbringsel aus der Heimat, der war für den Papa reserviert.
Papa las im Koran. Er redete nicht darüber. Saß in seinem Lehnstuhl, blätterte nur ganz selten um, fixierte die Seite. Eine Brille trug er, sah gelehrt aus damit, an der Stirn waren zwei Falten zu sehen, was für ein ernsthafter Mann!
Bald legte er ein Lesezeichen zwischen die Seiten, klappte das dicke Buch zu, legte es ins Regal und machte eine Handbewegung zu den Kindern hin.
Selim setzte sich aufs linke, Hatice aufs rechte Knie, Hatice hatte ein Märchenbuch mitgebracht. Seufzend schlug es der Papa auf und las vor. Die Mama klapperte in der Küche mit dem Abwasch, der Vater hatte eine Stimme wie ein freundlicher Bär – und alles war gut.
Damals gab es keine Nachrichten von der großen Krankheit und keine Tagesschau. Damals gab es viel kleines Glück. Und der Papa war noch der Papa von damals.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
