DAHEIM
TANZ DER VIREN II
Am vierten Tag schließt Hans die Tür der Hütte auf. Den Schlüssel hat ihm der Besitzer in Kochel in die Hand gegeben.
„Bist sicher?“, hat der Mann gefragt. „Weißt schon, ich darf gar nicht vermieten. Wegen Corona.“
„Merkt doch keiner. Und ja, ich bin mir sicher.“
„Es fangt bald zum Schneien an. Strom hat es nicht. Wie lang das Gas noch langt, weiß ich nicht. Naja, hast ja Holz und den Ofen. Aber: Es ist nix los, da oben. Also, mich täte es nicht jucken.“
Alles gut, meinte Hans und lächelte (er kann sehr schön lächeln, übrigens, heiter mit einer kleinen Verschlagenheit). Er wolle nur seine Ruhe. Bezahlen würde er gerne im Voraus. Und wenn das Gas ausginge, wäre es ihm eine Freude, im Tal eine neue Flasche zu kaufen.
Der Besitzer freute sich über die Barzahlung (für einen Monat im Voraus), holte den Schlüssel, wenn Hans weiter ziehen wolle, solle er den Schlüssel unter die Fußmatte legen. Ach übrigens: Ob der Hans wisse, dass dort oben in den Bergen schon mal ein Künstler gelebt habe. Franz Marc hieß der – und er war ein Maler.
Ja, das wusste der Hans. Großes Lächeln.
„No, dann wünsche ich halt ein gute Zeit.“
Und der Hans ging ins Gebirg‘.
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Die Berge heißen Rabenkopf und Jochberg, im Osten schimmert die Benediktenwand, im Süden geht es ins Österreichische. Laliderer. Ödkar. Weiter hinterm Karwendel das hohe Gebirge.
Die Hütte liegt im Quellgebiet des Staffelbachs. Hans hat das Land hier oben für sich. Er steigt auf alle Berge, es sind ja kleine Berge, er liest Dostojewski. Hier oben kriegt er prima Radio rein – er hört Verkehrsfunk und Klassik und Nachrichten. Die Sendungen erreichen ihn wie Signale von einem anderen Planeten.
Einen Tag trinkt er, am nächsten bleibt er nüchtern. Alkohol erst, wenn die Sonne weg ist. Dann, bis die Lichter aus sind. Den Wein und die Nudeln besorgt er sich im Supermarkt in Kochel, einmal in der Woche wandert er ins Tal, kauft groß ein und schleppt den Rucksack heim.
Wenn er nicht säuft, ist er anfangs lange wach und nervös. Mit der Zeit gibt sich das. Hans gewöhnt sich an das Neue.
Er hat viel zu tun. Holz muss er machen, kochen, ein bisschen waschen, die Stube sauber halten. Hans sammelt Steine und fügt sie zu Formationen vor der Hütte. Er zeichnet – es ist mehr ein Kritzeln als ein Zeichnen, aber es stört ihn nicht.
Und er schreibt. Weil er für niemanden schreibt, weil er nicht, wie früher, „an den Leser“ denken muss, ist vieles erlaubt. Mag sein, dass Hans wunderlich wird in diesen Tagen – aber es kümmert keinen.
Drunten im Land quälen sie sich durch eine zweite Welle der großen Krankheit. Hier heroben ist der Hans recht fidel mit sich selbst und seinem Denken.
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Er geht viel herum. Gern wandert Hans zur Staffelalp. Dort ist die Hütte winterfest, auch die Fenster sind verriegelt. Aber Hans kennt die Küche, in der der Maler Franz Marc auf die Kalkbleiche einen Hirschen und gern gewesen, er hat sogar eine kleine Zeichnung an die Wand neben dem Herd gemalt. Das Bild ist mit den Jahren unter dem Küchen-Ruß verschwunden, erst vor ein paar Jahren haben sie es bemerkt und restauriert und damit die Touristen zur Hütte gelockt.
Franz Marc war schon einer!
Wenn es dem mit den Frauen zuviel wurde – also, wenn es zuviele Frauen auf einmal wurden -, ist er eine Zeitlang ins Dachauer Hinterland gezogen. Dort konnte er malen und sich die Weiberleut‘ eine nach der Anderen aufs Land bestellen. Er hat wohl gerne poussiert und war beieinander wie ein Stier.
Die Bilder vom Dachauer Land sind in der Nähe des Feldes gemalt worden, in dem jetzt der Hans das Unkraut gehackt hat. Da hat er viel Zeit gehabt, über den Maler nachzudenken, den es im Ersten Weltkrieg zerrissen hat, als er eigentlich noch ein paar Jahrzehnte vor sich gehabt hätte.
Sei es drum.
Jetzt kommt Hans von einem Ausflug zur Staffelalp in seine Hütte. Er macht sich einen Tee, hat das Notizbuch vor sich, den Stift in der Hand und ist ein guter Freund vom Franz.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
