FREMDELN
TANZ DER VIREN II
Am nächsten Tag packt Hans seine Habe in den Rucksack und marschiert weiter. Am Mandl vorbei, hinunter zur Kilianshütte und nach Ettal. Dort kauft er sich einen Coffee to go, latscht auf der alten Römerstraße nach Oberau, in Oberau kauft er im Supermarkt ein, weiter Loisach-abwärts, bei Eschenlohe nach Osten und dem Bach entlang bis zu einem Sattel, wieder bergab bis zum Walchensee. Dort wird er einen Platz zur Nacht finden und sich mit einem alten Freund treffen.
Nein, nicht wirklich. Manche mögen denken, der Hans würde nun komplett irre, weil er sich mit Leuten trifft, die nicht wirklich da sind.
Aber Hans wird nicht verrückt, er wird nur anders.
Der Freund wird irgendwann da sein, ein Geist von früher. Hans wird sich bestens mit dem Kumpel unterhalten, sie werden viel zum Lachen haben. Wenn er genug getrunken hat, wird Hans den Freund gehen lassen.
So wird es jetzt nämlich laufen: Tagsüber marschiert der Hans – weiter und weiter und weiter. Und abends sieht er seine Freunde von früher. Das wird er getreulich notieren in seinem Moleskine.
Er wird sein wie vor 150 Jahren „der alte Ledermann“ in Conecticut. Drei Jahrzehnte ist der Mann zwischen den Bundesstaaten New York und Connecticut unterwegs gewesen. Danbury. New Fairfield. Watertown. Westchester. Danbury. Und wieder die Runde – und nochmal und nochmal. Die Uhr haben die Leute nach dem „alten Ledermann“ stellen können. Freundlich und stumm hat er seine Runden gedreht. Bis, nach 30 Jahren, der Krebs in ihn kam. Er hatte unterm Kinn ein Geschwür, so groß wie eine Orange. Die Krankheit zerfraß die Lippen. Der „alte Ledermann“ – wahrscheinlich war er gebürtiger Franzose und hieß ursprünglich Jules Bourglay – konnte nur noch in Kaffee getunktes Weißbrot essen und hatte dabei solche Schmerzen, dass er weinen musste.
Im September 1888 kam er in einen Schneesturm und schleppte sich nur noch voran. Zum ersten Mal konnten die Leute die Uhr nicht nach ihm stellen.
Im März 1889 fand man seine Leiche in einer Höhle in Mount Pleasant.
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Hans wird ein moderner Jules Bourglay sein. Er wird wandern und nur mehr das Notwendigste reden. Verwahrlosen wird er nicht, nicht wie der alte Ledermann. Hans hat genug Geld auf dem Konto – genug für eine Bleibe, fürs Waschen, fürs Leben. Er wird ein Obdach beziehen, wenn es an der Zeit ist.
Immer wird er auf seiner Wanderschaft Gefährten zur Seite haben. Hans kann sie bestellen und wieder entlassen.
Sie werden ihm zur Seite stehen, während seine Zeit ins Land geht.
Und jetzt, Freunde, jetzt fängt die Geschichte wirklich an. Echt.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
