EINIGELN
TANZ DER VIREN II
Man wechselt das Thema.
Ob er das auch gehört habe?
Was? Was gehört?
„Mitm Lockdown.“
Achja?
„Schon wieder ein Lockdown.“
Nein, er sein ein paar Tage in den Bergen gewesen. Er wisse gar nichts. Was das denn auf sich habe mit dem neuen Lockdown?
„Das bricht uns das Kreuz, sage‘ ich Dir. Die Wirtschaften sind zu. Reisen kannst nimmer. Überall musst die Scheiß-Maske aufhaben. Immer mehr Strafen gibt es. Die Politiker wollen die Haushalte kontrollieren. Keine Weihnachtsmärkte, kein Silvester, kein Weihnachten. Ein beschissener Winter wird das.
Und wir Bauern wissen auch nicht mehr, wie es weiter geht. Wenn wir nicht aufpassen, übernimmt der Chinese.“
Aber jetzt habe man genug geratscht. Er müsse weiter, sagt der Andere und tut sehr geschäftig. Steigt in die Pilotenkanzel seines 400000-Euro-Bulldogs und tackert davon.
Hans setzt sich auch wieder in Bewegung.
Achwas, denkt er, schon wieder so ein scheiß Lockdown, dann werde ich Bier kaufen müssen. Und Weine und Gins. Man weiß ja nie.
—
Lockdown.
Der Hans im Gebirg. Ziellos. Ohne Zukunft. Ohne Angst vor irgendwas.
Umbringen wird er sich nicht.
Außer, man betrachtet es als erweiterten Suizid, wenn sich einer zu Tode säuft.
—
Und jetzt, Freunde, fängt die Gschicht an.
Der Hans lötet sich noch einmal mordsbrennerisch zu. Das tut er in einem Wander-Unterstand an der Ammer, in einer sehr hellen Nacht, in der Hans im Traum Besuch von noch nicht gekannten Dämonen bekommt.
Am Morgen danach ist er noch immer leicht betrunken, macht nix, er schlurft nach Oberammergau. Es ist Anfang November, so ein typischer Herbsttag, an dem die Wolken tief über dem Ort hängen und man ahnt, dass man ins Licht steigt, wenn man den Berg hinauf geht.
Aber im Ort ist es klamm und grau, die Menschen haben sich in die Häuser verkrümelt.
Gern würde Hans jetzt ein Weißbier zum Frühstück trinken. Im Hotel „Wolf“, in der „Alten Post“ oder beim „Turmwirt“ – wurscht, sogar in der Eisdiele würde das Bier schmecken.
Aber: Lockdown.
Also belässt es Hans beim großzügigen Einkauf. Der reicht für drei Räusche, wenn man es genau besieht. Brot, Wurst und Käse besorgt er auch. Ersatzbatterien fürs Radio. Und eine Packung Lebkuchen.
In der Buchhandlung Schwarz kauft Hans nach langem Hin und Her vor den Regalen „Schuld und Sühne“ und ein großformatiges Notizbuch von Moleskine, kariert (auch in den miesesten Zeiten hat er sich immer Moleskine geleistet, das gab ihm das Gefühl, was Besseres zu sein).
So kann er hinaus in die weite Welt.
Er marschiert am Bach entlang zur Talstation der Laber-Bahn. Folgt dem Weg zum Bärenbad. Am frühen Nachmittag erreicht er die Almen unterhalb des austrocknenden Soila-Sees.
Betrunken ist der Hans nicht, er hat nur ein bissl Bier gegen die Dehydration konsumiert. Kein Mensch ist ihm begegnet, dies ist sein Glückstag.
Auch an den Almen ist Ruh‘. Kein Viech, kein Mensch, ein paar Dohlen, die späte Nachmittagssonne hat sich auch schon hinterm Laber verpisst.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
