SANDELN
TANZ DER VIREN II
Nachdem ihm der Bauer gekündigt hat, hat Hans auch der Janine gekündigt. In einem Aufwasch sozusagen.
Daran erinnert sich Hans auch. Und dann ist ihm, als ob er vor Panik gar nie mehr gehen können wird.
—
Abstieg.
Noch immer steht Hans unentschlossen an dem Stadel oberhalb des Bachs. Voll des Staunens ist er. Vom Staunen angefüllt. Das Staunen überschwappt seine Trauer und seinen Zorn.
Er lehnt am Stadel – graues Holz, warm und doch unfreundlich – und blickt ins Tal.
Vordergrund: Sommerblume. Gelb, mit einem Drall ins Orangefarbene. Schienbeinhoch. Solitär. Steht da und wankt nicht, es hat keinen Wind.
Mittelgrund: Der Weg verliert sich talwärts, Stadel rechter- und linkerhand, großteils abgemähte Wiesen, auf anderen Stücken wächst das Gras ins Kniehohe. Es hat Bäume, vom Wind zerfleddert, rechts eher fernab spitzt der Turm einer Kirche aus den Hügeln. Die Kapelle gibt es seit dem Jahrhundert, Hans ist in der Jugend sehr oft daran vorbei gegangen, drin war er nie, nun wünscht er sich, er hätte sich einmal das Innere besehen.
Hintergrund: Berge. Grün und waldig vorndran, dahinter beginnen die Felsen. Grauer Kalk, Hans kann ihn spüren, die Wärme und den Frost, er träumt sich dorthin, von hierher am Stadel dorthin in den Fels. Wo ihn keiner wahrnimmt, von wo er fallen oder steigen kann, egal.
So zwickt Hans die Augen zusammen – weil die Sonne in den Kalkfelsen ein Gleißlicht macht. Er erinnert sich – so peu à peu -, wie er, den Berg hinauf, den Pfad hinunter, hierher gekommen ist.
Was für eine beschissene Unternehmung. Schon wieder alles am Arsch.
Hintendrin, hintendran, spürt er, ist der Rucksack. Hans streift ihn von der Schulter setzt ihn ab, pfriemelt die Verschnürungen auf. Packt aus.
Unterwäsche. Oberwäsche. Paar Papiere in der Plastiktüte gegen Nässe. Energieriegel. Ein Buch über die deutsche Romantik. Das Notizbuch. In der Seitentasche Kreditkarte, Stifte, Brille, das kleine Radio. Ladegerät. Laptop. Kabelsalat. Zwei Flaschen Rotwein, ein Gin – unangebrochen.
Jetzt liegt alles auf der Wiese vor dem Stadel.
Hans muss sich setzen.
Hans muss die Umgebung überblicken.
Hans muss verzweifelt sein und ohne Zukunft.
Hans muss Gin trinken.
—
Gin. Der Tag geht ins Land.
Rotwein und Fitnessriegel gegen den Hunger.
Schwarze Nacht. Zappenduster, der Film.
Am nächsten Morgen ist der Gin weg. Die Tritte am nächsten Morgen (jetzt stinkt die Klamotte – auch nach der Wäsche im Bach) sind unsicher.
Hans tapert talwärts.
Ein fast alter Mann. Nicht mehr viele Haare auf dem Kopf. Altgemachte Laufschuhe, Jeans, T-Shirt, Anorak.
Unrasiert ist er, die Haare wachsen aus Ohren und Nasen, ungepflegt ist Hans
Er kommt ins Tal, da werkelt einer an seinem Bulldog. Der Mann richtet sich, fixiert den Fremden, erkennt ihn.
„Sag amal, Du bist der Hans, hat man Dich schon lang nicht mehr gesehn.“
Er bejaht, dass er der Hans sei. Das Gespräch wird weiter geführt.
„Wo bist denn jetzt? Allweil noch in Berlin?“
Nein, das sei lang vorbei. Er sei wieder zurück in den Süden. Die Berge, die Arbeit. Wie es halt so ist im Leben.
„Was machst denn jetzt. Gell, Du bist Journalist.“
Das war einmal. Mit den Zeitungen verdient man nix mehr, grummelt der Hans, in der Hoffnung, nun sei genug übers Thema geredet. Im Journalismus gebe es nichts mehr zu holen, da habe er was Neues angefangen.
„Was denn?“
Der Andere – er ist im Alter von Hans, man hat zusammen Fußball gespielt – war schon früher so: ein schamloser Frager und einer, dem man nichts erzählen durfte, weil er alles weiter tratschte. Der hatte so eine infame Technik, die Dinge aus den Mitmenschen raus zu quetschen. Er nahm eine Spur auf und ließ sich nicht irre machen.
Lauerte auf die Antwort, schwieg lange – wenn nichts kam, wiederholte er die Frage.
„Was machst jetzt? In München, oder?“
Jaja, München, jaja.
„Und? Was arbeitet man da?“
Es gibt kein Entkommen. Eine Antwort muss her.
„Ich schreibe.“
„Schreibst, achso. Bücher?“
Jaja.
„Was für Bücher?“
Der ist schon immer ein widerlicher Hundling gewesen, denkt Hans.
Sachbücher. Kultur-Zeug. Sport. Biographien. Wie es gerade komme.
„Ach geh!“
Nein, das klingt nicht nach Respekt, das ist der Sarkasmus des Überlegenen.
Hans kann es dem Anderen nicht verdenken. Der wird gleich mit seinem Bulldog nach Hause treckern, dort gibt es Mittagessen, wahrscheinlich hat er eine reinliche Frau und eine halbe Handvoll Kinder, die aus dem Ärgsten raus sind. Er hat was auf dem Sparbuch und seine Liegenschaften, er jammert über die Not der Bauern und weiß, dass es für ihn nie eine Not geben wird. Der Andere sieht so aus, als ob er viel saufen würde, aber das darf der, der darf aussehen wie ein alter, missmutiger, verdreckter Nazi, das darf der.
Weil er es darf.
Hans seinerseits hat jedes Recht verwirkt. Ein Zuhause hat er schon lange nicht, nichts an ihm ist reinlich, viel hat er nicht mehr auf dem Konto. Wie ein alter Säufer sieht er aus, wie ein Säufer stinkt er. In seinem Heimatdorf hat sich am Stammtisch sicher mal besprochen worden, dass er, der Hans, im Irrenhaus gewesen ist.
Ist doch logisch, dass da der Andere seinen Sarkasmus genießt.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
