LAST EXIT
TANZ DER VIREN II
Gestern war das neue Jahr in seinem neunten Tag – da ist Hans zum ersten Mal seit Silvester leibhaftigen Menschen begegnet.
Besser gesagt: Sie sind – unverlangt eingesandt – zu seiner Hütte gekommen. Eine junge Frau – sportlich, rotwangig, heiter, zum Anknabbern – und ein Typ – groß, glimmende Augen, langes Mädchen-Haar, zum Beneiden.
Sie stapften auf ihren Schneeschuhen aus dem Wald heraus auf die Hütte zu. Beim Brunnen blieben sie ratlos stehen.
Die verwehten, fast verschneiten Spuren, denen sie gefolgt waren, hörten hier auf. Es waren Hans‘ Spuren, die hinaus in die Berge und hinunter ins Tal führten.
Nun, an der Hütte, war Endstation.
Hans ist auf die Veranda getreten und hat die beiden angesprochen. Wohin sie wollten, ob er ihnen helfen könne?
Nicht aufgepasst hatten sie und sich im Aufstieg geirrt.
„Nicht schlimm“, sagte der junge Mann. „Hauptsache, wir sind unterwegs. Das da drunten im Land ist ja ein Irrsinn. Man fühlt sich wie im Offenen Vollzug.“
Die Frau nickte und lächelte Hans neugierig an.
Er erklärte sich.
Dass er den Irrsinn nicht mitmache und in die Hütte gezogen sei.
Wie das? fragten sie.
Kein Handy, kein Computer. Ein kleines Radiogerät, gute Bücher, die Schreibsachen, das Leben in der Hütte und im Wald.
„Alles gut“ sagte Hans, als er sah, dass die jungen Menschen fast ein wenig erschrocken waren.
„Manchmal ist es ein bissl ruhig. Aber das ist okay. Am Anfang habe ich mich gefragt, ob man hier oben mit der Zeit seltsam wird. Aber eigentlich, glaub‘ ich, ist alles in Ordnung.“
Hans hat Tee gebracht, sie haben sich unterhalten, die jungen Leute haben ihm ihre Adresse in München dagelassen. Sie fragten, ob sie ihn wieder besuchen dürfen. Ja, hat er gesagt, kein Problem, er ist ja immer da, abends zumindest. Tagsüber mache er oft Ausflüge, aber um drei am Nachmittag sei er immer zurück.
Als es dämmerte, stiegen die beiden ab. Er legte Holz im Ofen nach und schaltete das Radio ein.
Zog das Notizbuch aus der Schublade und begann zu schreiben. Es war an der Zeit.
Heute, am zehnten Januar 2021, arbeitet er weiter am Text. Er nennt ihn „Last Exit“. Besonders einfallsreich ist das wohl nicht – aber was soll’s?
Jetzt kann er mit dem Aufschreiben beginnen.
Last Exit:
Wie der Hans auf eine einsame Berghütte gekommen ist.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
