WUNDERWELT
TANZ DER VIREN II
Zur gleichen Zeit, als Hatice im Park an der Biedersteiner Straße das Siegtor für ihre Mannschaft schoss, packte Familie Stäbler die Sportsachen – Ball, Federball-Set, die Rucksäcke – auf einen Anhänger, der ans Rad vom Vater gekuppelt war, und machte sich auf den Heimweg.
Die Stäblers: Mutter Irene, 37, ist eine gebürtige Miesbacherin, Vater Martin, 36, kommt aus Oberschwaben, die Kinder Robert und Renate sind 14 und zwölf.
Nicht leicht haben es die Stäblers. Sie sind genervt.
Aber der Nachmittag im Park hatte ihnen gut getan. Die Kinder waren über die Wiese gerannt wie junge Pferde, die endlich wieder Freilauf bekommen. Irene und Robert hatten auch ein bisschen mitgekickt und mit dem Frisbee geworfen; vor allem waren sie mit den Maichls zusammen gestanden und hatten geredet. Die Maichls sind zu fünft: die Eltern, zwei Mädchen, der weiße Riesenhund „Hermann“.
Anfangs hatten sich die Stäblers und die Maichls zu viert unterhalten, dann waren Väter und Mütter unter sich gewesen. Die Väter arbeiten im selben Unternehmen, aber sie sehen sich nicht, weil die „Büros“ nach Hause verlegt worden sind. Die Mütter führen die Haushalte souverän – aber sie sind aus dem Rhythmus, weil so vieles anders ist:
Der Mann dauernd daheim.
Die Kinder nicht in der Schule und nicht in den Vereinen.
Kein Shoppen, keine Dates mit den Freundinnen, nie richtig Ordnung im Haus.
Die Kinder scheiße drauf.
Der Mann nicht mehr der „Alte“, an den man sich gewöhnt hat.
Der Sex seltsam. Wenn überhaupt.
Der Nachmittag hatte allen gut getan. Nun radelten die Stäblers durch Schwabing, sie stoppten beim McDonalds und kauften Food. So gut hatten die Hamburger noch nicht oft geschmeckt. Es war zwar kalt, die Sonne hatte München verlassen, ein kalter Wind roch nach Schnee – aber die Pommes waren heiß, sie schmeckten nach früher. Immerhin etwas.
Auf dem Trottoir saß ein Rumäne auf Kartonpappe und machte mit einer greisen Harmonika Töne. Er hatte eine CD in den Player eingelegt.
Vater Stäbler wischte sich mit einer Serviette die Mayo vom Kinn und sagte:
„Erkennt wer, was der spielt?“
Die Stäblers horchten hin und schüttelten die Köpfe. Dabei hätte man es schon identifizieren können, wegen der CD. Es war „A wonderful world“.
Der Rumäne zog stoisch an seinem Instrument und ließ die Finger müde über die Tastatur stolpern.
Die Töne: laut, klagend, falsch.
„Ich glaub‘ es nicht“, sagte Herr Stäbler.
„Was?“, fragte die Tochter.
„Na, dass Musik so weh tun kann.“
Er lachte.
Sein Lachen, auch das:
Nicht echt.
Aber wenigstens lachte er mal.
Man hatte zu Ende gegessen. Auf ging es, nach Hause.
In die eigene wunderbare Welt von einst.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
