DARF ICH BITTEN?
TANZ DER VIREN II
Geduscht hat sie. Einen Tee gekocht. Kekse, mit Schoko-Füllung, auf einen Teller gegeben. Den Fernseher eingeschaltet. Es läuft „Sturm der Liebe“.
Hatice sieht das ganz gerne. Das Leben wird dann so einfach. Gute gibt es und Böse. Intrigen und Katastrophen, Retter und glückliche Enden. Wenn eine Frau die Liebe wirklich will, dann wird sie sich die Liebe erkämpfen. Sie wird den weißen Ritter finden. Einen, der sie in den Arm nimmt und beschützt. Einen, der sie achtet und ihr mit einem Kniefall den Antrag macht. Mit dem sie in einen glutroten Sonnenuntergang blickt und mit dem sie bei Vollmond Liebe macht.
Das gibt es in „Sturm der Liebe“.
Gut.
Im richtigen Leben ist das Drehbuch doof.
Kein weißer Ritter in Sicht.
Der letzte Mann ist schon lang her – da kannte Hatice das Wort „Pandemie“ noch gar nicht.
Das war vielleicht so ein Ritter von der traurigen Gestalt, der Typ!
Unsportlich. Kein Humor. Kein Geld. Mundgeruch. Beim Vögeln gleich am Ende.
Drei Wochen hat sie es versucht mit ihm. Vielleicht würde er sich verändern, wie manchmal die Männer in „Sturm der Liebe“.
Was machen Sie hier? – Sie aus einem schönen Traum wecken. – Was reden Sie? Ich träume nie. – Dann wird es aber Zeit. Darf ich Sie zum Essen einladen? – Was fällt Ihnen ein? – Wieso? Essen Sie nie? – Doch. Aber… – Na bitte. Heute Abend? Im „Chez Pierre“? – Ähm. – Gut abgemacht. Um acht? – Na gut…
Das ist ja ohnehin kein Thema zurzeit. Keine Einladungen, keine Dates, kein Kino. Der McFit ist dicht, das Boxstudio verstaubt. Hatice trainiert zuhause mit den kurzen Hanteln und an der Reckstange im Rahmen der Tür zum Wohnzimmer. Zweimal in der Woche joggt sie im Englischen Garten, der Kick mit den Kerls.
Das war es dann auch. Im Büro ist sie manchmal die Einzige, weil die Kollegenschaft vom heimischen Computer aus ihren Job machen. Wenn Andere zur Arbeit kommen, sind sie verängstigt, nervös, haben das Reden verlernt.
Das Alleinsein macht sie mürbe. Hatice weiß nicht, wie es der Familie im Allgäu geht. Man redet nicht mehr miteinander, seit es der Vater verboten hat.
In „Sturm der Liebe“ sagte eine Blonde, die über den Fotos ihres Vaters weint:
Ach Papa!
Der Film-Vater ist in den Bergen ums Leben gekommen. Man hat ihn nie gefunden, aber es gibt wohl keinen Zweifel. Die Film-Tochter ist blond und verzweifelt.
Ach Papa!
20 Minuten später sitzt die Blonde an einem Baum und ist ganz entrückt. Ein Mann mit schimmerweißen Zähnen und blitzblauen Augen tritt ins Bild. Jetzt steht er über der Blonden. Sie schreckt hoch, erkennt ihn, den weißen Ritter, ihre Stimme zittert.
Ich habe Dir nicht geglaubt, und Du hast trotzdem nicht aufgegeben. Du hast meinen Vater gerettet. – Naja. – Ach Du!
Der Film-Ritter zeigt seine Zähne. Hach, was für ein Lachen! Dann sagt er ein Wort, mit fester Stimme.
Tanzen?
Die Film-Blonde haucht zurück.
Ja.
Hatice nimmt noch einen Keks.
Scheiße, es könnte alles so schön sein.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
