FAST-STERBEN
TANZ DER VIREN
11. August
Der Schriftsteller Jonas Lüscher ist in diesem Jahr sehr krank gewesen. Spitz auf Knopf ist es gestanden.
„Am 15. März sprang ich kurzfristig bei den Münchner Kommunalwahlen ein, half an der Urne und beim Auszählen. Da habe ich mich wohl infiziert. Erst hatte ich die bekannten Symptome, Husten, hohes Fieber. Nach einem positiven Test wurde ich ins Krankenhaus überwiesen. Dort diagnostizierten die Ärzte eine Lungenentzündung, und mein Zustand verschlechterte sich schnell. Man versetzte mich ins Koma und begann mit der Beatmung. Ich war sieben Wochen im Koma, insgesamt neun Wochen auf der Intensivstation und drei Wochen in der Reha. Die Lungenfunktion ist immer noch etwas eingeschränkt, und ich kämpfe mit den üblichen Nebenerscheinungen eines langen Komas, aber ich habe, und das ist ein großes Glück, keine kognitiven Schäden davon getragen.“
Lüscher ist einer der bedeutendsten Schweizer Autoren der Gegenwart. Bekannt wurde er 2013 mit der Novelle „Frühling der Barbaren“, für den Roman „Kraft“ erhielt er vier Jahre später den Schweizer Buchpreis. Der 43-Jährige – geboren in Zürich, aufgewachsen in Bern – lebt heute in München.
Gut, dass ihm Corona keine „kognitiven Schäden“ zugefügt hat. So kann er heute den Menschen ins Gewissen reden:
„Die Corona-Krise hat die Ungleichheit unserer Gesellschaft in aller Deutlichkeit gezeigt. Wer am Zürichberg eine schöne Villa hat, mit Garten und Swimmingpool, der kann die Pandemie problemlos als Chance zur Entschleunigung begreifen. Etwas Yoga üben, das Französisch auffrischen…
Die Alleinerziehende mit den zwei pubertierenden Söhnen in einer kleinen Mietwohnung aber erlebt die Krise ganz anders. Ihr Leben prekarisierte sich wegen Corona noch weiter.
Ja, wir müssen das Geld endlich besser verteilen.
Und wir müssen uns in Frage stellen.
Weil wir das neoliberale Denken der letzten 30 Jahre verinnerlicht haben, läuft vieles aus dem Ruder. Uns fehlt schlicht die Fantasie, uns eine bessere Welt auszudenken.“
