POUSSIEREN
TANZ DER VIREN
5. Mai
Unterschleissheim, beim Edeka. Ein 17-jähriger Algerier lächelt den Kunden entgegen und drückt ihnen, sofern sie keinen Einkaufswagen schieben, einen Korb in die Hände. „Müssen Sie haben, damit wir zählen können, wieviele in Geschäft sind. Wenn fertig, Sie geben mir Korb zurück.“ Er lächelt hinreißend unschuldig unter seiner Maske.
Durch die Gänge patrouillieren die Angestellten aus der Vor-Pandemie. Sie tragen weiße Kittel wie Ärzte und haben strenge ungute Gesichter. Sie sorgen dafür, dass die Neuen spuren.
Die Neuen müssen hart arbeiten. Sie füllen Regale, wischen den Boden, tragen Müll. Wenn sie sich bewährt haben, dürfen sie an die Kasse. Manchmal schafft es jemand bis an die Back-Theke.
Die Neuen haben nichts zu sagen und reden nicht. Lächeln während der Arbeitszeit ist verpönt. Sie tun ihren Job und machen sich unsichtbar. Wenn sie gut sind, registriert der Kunde nicht, dass sie da sind.
Schleichend hat man beim Edeka in Unterschleissheim eine neue Klassengesellschaft eingeführt. Die Chefs sind weit weg in München oder so. Die Capos regieren vom Büro aus und sitzen vor Computern und Überwachungsschirmen. Die Sous-Capos verkaufen Fleisch und laufen zwischen den Regalen Kontrolle. Und die Frischlinge buckeln und dürfen froh sein, dass sie einen Mindestlohn kriegen.
Das Neue Deutschland etabliert sich.
An der Kasse sitzt eine frühere Stewardess und hat eine beschlagene Brille. Sie kämpft gegen Masken-Phobie und leidet beim Gedanken daran, wie ihre schwitzenden Hände unter den schwarzen Handschuhen aufquellen. Sie hat das Gefühl, dass sie von zu Tag unansehnlicher wird.
Die Kundschaft spürt all das nicht. Die Frau an der Kasse kann nicht anders: Sie ist von unbeugsamer Freundlichkeit. Wie damals im Flieger. Stewardessen-Charme ist wie Radfahren: Das verlernst Du nicht.
Manchmal winkt die Stewardess hinüber zur Bäckerei. Dort arbeitet seit gestern die nette Studentin. Die kommt aus Prag, wegen des Virus ist sie in München gestrandet, wo sie Philosophie und Germanistik belegt hatte. Jetzt ist sie pleite und braucht das Geld.
Sie ist blond und wohl sehr hübsch. Wenn sie die Bestellungen der Kundschaft wiederholt – das tut sie immer, um keinen Fehler zu machen -, dann geht einem das Herz auf. Es ist, als ob man vom hübschesten Fräulein Schwejk des Globus bedient würde.
„Ein Kaffää und eine Brezel? Gern, darf es noch etwas sein. Vielleicht a Kipferl oder ein Strudel? Ganz frisch und sähr lecker!“
Wir glauben es gleich, Fräulein. Zu liebenswürdig, ja doch.
Eigentlich darf es noch etwas sein…
Aber das gehört nicht hierher. Entschuldigung und küss‘ die Hand Fräulein.
„Noja, dann nicht. Hier, Ihr Kaffää. Ein Stückl Zucker? Oder zwei? An schäänen Tag wünsch‘ ich dann noch.“
Die Augen über der Maske sind blau und voller Flirt mit dem Leben.
Dankesehr, Fräulein. Ihnen auch alles Gute. Ehrlich.
