SOMMER ADÉ
D 2017*, Folge 4. 21. September. Neuruppin, am Hafen und sonstwo.
Ruppin hat eine schöne Lage – See, Gärten und der sogenannte »Wall« schließen es ein.
Alle diese Jammernester haben irgendwo einen Charme.
Ehrlich ist der Märker, aber schrecklich.
Es ist ein zuverlässiger, verständiger Menschenschlag, aber ohne jede Spur von dem, was gefällig wirkt.
Das Gymnasium hatte Ferien und die Garnison Mobilmachung. So fehlten denn die roten Kragen und Aufschläge, die dazu berufen scheinen, der monotonen Landschaft Leben und Frische zu geben. Alles war still und leer, auf dem Schulplatze wurden Betten gesonnt, und es sah aus, als sollte die ganze Stadt aufgefordert werden, sich schlafen zu legen.
Lange, breite Straßen.
Stattliche Plätze.
Eine Öde und Leere, die zuletzt den Eindruck der Langenweile macht. (Theodor Fontane)
Am Wall liegt bäuchlings eine Studentin und schmökert. Hot Pants, geiler Hintern. Kurze dunkle Haare. Die junge Frau ist mit ihrem Buch in einem anderen Land. Sie nimmt die Touristen nicht wahr, die in ihren Sandalen an der Uferpromenade entlang latschen. Sie sieht nicht, dass draußen auf dem See der Segel-Lehrer seine Schüler in ihren Jollen um sich schart und ihnen erklärt, für heute sei Schluss. Von Westen her kommt dunkles Wetter. Besser, man kehrt an Land zurück. Man weiß nie: Der Ruppiner See kann ziemlich ungemütlich werden.
Der Verband kleiner Segelschiffe steuert auf den Hafen zu, die Touristen wechseln von den Terassen ins Innere der Cafés. Nur die Studentin ist unbeeindruckt.
Sie ist gerne in dieser Stadt, in der so vieles nicht passt. Setze Dich lange genug zu den Brüdern am Bahnhof – und sie werden Dir erzählen, warum sie der DDR nachtrauern. Die Dame im Kiosk, sie kommt aus Serbien, wird nicken.
In der Touristen-Information liegen Prospekte, die für die neue Therme werben. Dort gebe es – natürlich ist man beeindruckt – Sondertarife für Rentner. Werktags, mo.-fr., am Vormittag, drei Stunden für 25 Euro. Da kann der Rentner-Mensch dann saunieren, dampfbaden, schwimmen oder so – und alles soll wohl ein bisschen wie auf Sylt sein. Mondän und westlich und teuer und einzigartig.
Rentner sind doch nicht blöd!
Manchmal geht die Studentin mit Freundinnen bummeln. Sogar ins Reiz haben sie es schon einmal geschafft. Ins Einkaufszentrum, dorthin, wo im Westen die Stadt zu Ende ist.
Rundrum Plattenbauten, frisch gestrichen, mit Kindern davor, die nichts mit sich anfangen.
Das Reitz. Zwei Dutzend Geschäfte. In einem gibt es Waren für einen Euro. Der Hammer. Und da ist der Obi, da wirste schnell mal einen Hunni los, weil Du auf das ganze Zeug so scharf bist wie der Jauch (ja, echt, der hat mal in seiner Show gesagt, er steht total auf den Obi).
Und da ist der Real. Allet jibt et. Die janze jroße Welt. Papaya un Kaviar. Bayrisch Bier un Grappa un Rosè aus Kalifornien. Steak aus Argentinien un Thüringer Klöße.
Allet.
Die Kunden schieben ihre Einkaufswagen – besonders große Exemplare – bedächtig durchs Labyrinth. Sie kaufen, als müssten sie Bunker füllen. An der Kasse werden sie nervös und geraten sich in die Quere. Stoische Verkäuferinnen nehmen ihnen das Geld ab. Noch ein Bier in der Eisdiele, dann zurück nach Hause.
Das Reiz ist eine Reise wert, hier.
Unsere Studentin war nur einmal dort. Ihr waren die Menschen zu unaufgeräumt – und in den Obi geht sie nicht.
Wind kommt auf. Die junge Frau blickt auf. Leer ist die Uferpromenade, Leinen zerren an den Fahnenmasten. Das Wasser schaukelt sich auf.
Die Studentin packt das Buch in ihre Stofftasche und beeilt sich. Es ist anmutig, wenn sie läuft. Sie hat es nicht weit. Wird wohl die Heizung in ihrer Bude aufdrehen müssen. Heute ist der letzte Sommertag. Von morgen an ist Deutschland im Herbst.
*“D2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
