SCHÄTZELCHEN
3. märz 2017 —– winter 16/17, Folge 52
New York, 1980
68 ist sie jetzt, die alte Schabracke. In den letzten zehn Jahren ist Mutter aus dem Leim gegangen. Sie war ja schon lange eine aufgedonnerte Tunte, mit ihren zu großen Hüten und den Boas und den Kostümen, die ein Franzose für schlanke Frauen entworfen hat und in die sie sich nun quetscht.
Sie ist schrill geworden. Unten kräht sie durchs Haus, und das Personal muss watzen. Es klingelt – Vater hat in den Fünfzigern den Big Ben in die Anlage einbauen lassen – und Mutter mutiert.
Mary Anne T., geborene MacLeod, verwandelt sich in eine bessere Dame der Gesellschaft. Sie hat nun die Stimme der wunderbaren Ingrid Bergmann, ein bisschen mütterlich, sehr sinnlich und romantisch. Sie kreischt nicht mehr, alles Laute ist weg.
Das ist ihre Telefon- und Partystimme. Die hat sie nicht für uns Kinder gehabt.
Ihr Ton als Mutter:
Meistens hat sie befohlen. Knapp. Zackig. Wenige Wörter. Nichts Unnützes. Kein „bitte“. Kein „danke“.
Oder sie hat gezetert. Wenn wir es ihr nicht recht gemacht haben, überschlug sich ihr hoher Alt. Das war, als ob eine Maschine zu hochtourig lief.
Wenn es not tat, hat sie die Mutter gegeben – da war sie eine prächtige Schauspielerin. Mrs. T. wollte, dass man ihr nachsagte, sie sei eine herzensgute Mutter. Fünf Kinder, dann muss diese Frau doch lieben. Wenn wir beobachtet wurden, hat uns die Mutter geknuddelt, bis es zwickte. Und sie hat Honig auf den Stimmbändern gehabt. Die Wörter, die sie benutzt hat, gehörten ihr mit Sicherheit nicht.
„Darling“. „Spatz“. „Mauseschwänzchen“. „Großer“.
Kein Wort ernst gemeint.
Als ich begann, die Frauen verstehen zu wollen, habe ich versucht, mir vorzustellen, was denn Dad an der Mutter gefunden hat.
Sie war ein Schnuckelchen. So ein Dingelchen, das sich schon in Schottland für den Fotografen in Positur geräkelt hat. Es gibt ein Bild im Badeanzug, da möchte man sich auf das Knack-Fräulein stürzen.
Oder das Porträt vom Strand. Es ist wohl Sonntag, Mary Anne hat ihr Ausgeh-Hütchen keck schräg in die Stirn geschoben. Die Schuhe sind ärmlich, der Mantel ist verschlissen, der Rock unelegant. Aber Mary Anne verdreht die nackten Beine ein wenig linkisch, schlägt die Augen neckend-verschämt nieder und lächelt wie eine, die zu haben ist:
Streng‘ Dich an, dann sehen wir schon, was aus uns wird.
So hat sie meinen Vater angeguckt.
Sie hat vor einem halben Jahr zwei Reporter empfangen. Eine junge Journalistin, die ins Stottern kam, weil ihr die Villa und der Rolls und der Cadillac Eindruck machten. Und ein Fotograf, den ich aus den Kneipen von Manhattan kenne. Begnadeter Bruder am Tresen. Geht einem nicht auf den Wecker mit der beschissenen Geschichte seines vor die Wand gefahrenen Lebens. Ist Dir nicht böse, wenn Du ihm das Mädchen ausspannst. Gibt alles aus, was er hat – und wenn einer der Kumpels mal auf dem Trockenen sitzt, dann hilft er.
Malcolm. Geht nicht ohne seine Jeansjacke unter die Menschen.
Der Bursche hat wohl mal fotografiert wie ein Weltmeister. Jetzt tut er seinen Job – und auch nicht mehr. Er interessiert sich nicht für die Menschen in seiner Kamera.
Die Mutter war in ihrem Element. Sie hat die Journalistin mit sich geschleppt und ihr eine kurze Führung durchs Haus gegeben. Mein Kumpel meinte, er müsse fürs Foto etwas aufbauen und ist in der Bibliothek mit mir geblieben. Ich (nachdem die Frauen den Raum verlassen hatten): „‘n Drink?“
„Gerne.“
Ich holte ein Getränk. Wir kippten auf die Schnelle ein paar, als die Damen wieder kamen, ließ ich die Flasche und die Gläser verschwinden. Musste ja nicht jeder was erfahren.
„Darling, das wird auch Deinen netten Kollegen interessieren.“
Meine Mutter war furchtbar. Sie tätschelte Malcolm und sagte, eine Geschichte habe sie extra für ihn aufgespart. „Ich weiß, dass Sie mal meinen Mann fotografiert haben. Jetzt erzähle ich Ihnen, wie ich ihn kennen gelernt habe.“
Malcolm hat die Bilder auf die Schnelle gemacht, als meine Mutter mit der Story zu Ende war. Er packte sein Equipment ein und zwinkerte mir zu. Man sieht sich, hieß das wohl.
Ich zwinkerte zurück.
Zwei Wochen später saßen wir nebeneinander in einer von den üblen Pinten in der Stadt. Malcolm sagte: „Ich will Dir ja nicht zu nahe treten – aber ein bisschen schwierig ist Deine Mom schon. Wie Du das aushältst!“
Geht schon, meinte ich. Ihre Geschichten muss man eben in Kauf nehmen. Und die mit dem „Savoy“ hatte ich so noch nie von ihr gehört.
„Da hat sie sich Deinen Alten geangelt, das sehe ich doch richtig.“
„Ja, das kommt hin. Sie hat sich gesagt, mit dem Typen kommt sie ans Geld.“
„Irgendwie gruselig. Oder?“
„Total. Aber so sind sie nun mal, meine Alten. Kohle. Kohle. Kohle. Sonst nix.“
„Und was ist mit den Kindern?“
„Nix. Kohle, das ist, was gilt.“
„Ich sag’s ja. Gruselig.“
Morgen: Mann fürs Überleben
