TRAUMHAUS I
berlin, 17. februar 2016
Der Petriplatz im Winter 2016: ein trostloser Ort.
Hier betrieb vor dem Ersten Weltkrieg die Familie Hertzog das größte Kaufhaus Berlins. 2000 Angestellte kümmerten sich um die Kundschaft, den Versandhandel, der in Spitzenjahren 60 Güterzüge füllte, und eine Filiale in Swakopmund, damals Deutsch-Südwest. Die Hertzogs besaßen das erste Automobil der Stadt überhaupt, rund um ihr Imperium steppte der Berliner Bär.
Das „Hertzog“ heute: eine Rest-Ruine, die Fensterhöhlen sind vernagelt. Ein Gebäude ohne Zukunft.
Der Petriplatz: ein Ort zum Depressiv-Werden.
Wirklich?
Nein, hier baut sich Großes auf. Nur zu sehen ist noch nichts.
Das Große hat einen Namen: „House of One“. Es wächst und wächst und wächst.
Unsichtbar macht es sich breit in Berlins Mitte. Dazu kann Roland Stolte eine Menge erzählen. Er hat ja die Entwicklung seit den ersten Diskussionen begleitet. „Wir sind sehr optimistisch angetreten. Aber was jetzt passiert, haben wir nicht geahnt.“
Im Juni 2014 trafen sich ein Rabbiner, ein Imam und ein evangelischer Geistlicher. Sie erklärten, der Petriplatz habe das Potenzial, zu einem Zentrum des Miteinanders zu werden. Jeder der Geistlichen hielt den Fotografen und Kameraleuten einen Ziegelsteinen vor die Linsen und erklärte, das sei die Zukunft.
Schon bald pflockten Arbeiter eine Schautafel in den märkischen Boden, der alle entnehmen konnten, an dieser Stelle würde etwas weltweit Einmaliges entstehen: Juden, Christen und Muslime wollen hier ein Haus errichten, unter dessen Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee vereint sind. Es werde einen zentralen Raum der Begegnung geben. Ein Haus des Gebets und des Austauschs über die Religionen – offen für alle.
“Es gehört viel Gottvertrauen dazu, sich vorzustellen, dass schon in einigen Jahren das wundersamste Gebäude, einmalig in der Welt, auf diesem Boden stehen soll”, sagte Gregor Hohberg, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St. Marien.
Rabbiner Tovia Ben-Chorin rief ermunternd in die Runde: „Wer kauft den ersten Stein?“
Der Berliner Schauspieler und Kabarettist zog einern Zehn aus dem Portemonnaie. Da wollte er dabei sein. “Schon Friedrich der Große hatte sich den Respekt vor den Religionen auf die Fahnen geschrieben”, sagte Bahro. Er erlebe oft im Alltag, dass die Menschen viel zu wenig über die Religion der anderen wüssten. Das House of One biete die einzigartige Chance, Menschen zusammenzuführen, die sich bis dahin fremd waren, und Vorurteile aktiv abzubauen.
Imam Kadir Sanci sprach davon, dass mit dem Bau „bewusst der gewaltfreie und offene Dialog der Religionen und Kulturen gefördert werde“. Man brauche dringend diesen Ort, an dem alle miteinander reden. „Nehmen Sie das Thema der religiös motivierten Gewalt – sie ist präsent im Alltag, aber sie macht weniger als 0,1 Prozent der Straftaten aus. Diese 0,1 Prozent prägen die Wahrnehmung in der Gesellschaft und stellen die Muslime unter Generalverdacht.“ Durch den Dialog müsse dieses Vorurteil zurecht gerückt werden. „Wir wollen unseren Kindern eine Zukunft überlassen, in der Vielfalt selbstverständlich ist.“
Der Rabbiner Tovia Ben-Chorin konnte da nur ernst nicken. Für ihn war es eine Sache der Logik, dass gerade an der Spree über ein „House of One“ nachgedacht worden ist. „Berlin ist die Stadt der Wunden und des Wunders. Hier wurde die Ausrottung der Juden geplant. Jetzt entsteht ein Zentrum des Friedens unter den drei monotheistischen Religionen. Es wird als strahlen: auf der ganzen Welt – und ganz besonders von Berlin bis Jerusalem.“
Das war an einem heiteren Junitag 2014.
Nun schreiben wir das Jahr 2016. Im ausgehenden Winter sieht der Platz nicht so aus, als würde bald gebaut. Es ist eine Brache – wie in den vielen Jahren, seit die letzte Petrikirche 1964 in der DDR plattgemacht worden ist.
Wenn in Berlin Mitte das Wetter mies ist, dann wirkt der Stadtteil hier besonders trist. Auf der Leipziger Straße rauscht unablässig der Verkehr, die Autos kämpfen sich in einem Gischtnebel voran. Ungastlich duckt sich ein weitläufiges Zelt der Archäologen. Still liegt der Baugrund im grauen Winter 2016.
Die wenigen Passanten haben es eilig. Es scheint nichts zu sehen zu geben, das Leben der City pulsiert anderswo. Kaum einer liest die verwaschenen Inschriften auf dem Trottoir.
Zum Beispiel, dass hier mal einer zum Tode durch Rädern verurteilt worden war, nach einer Begnadigung aber nur enthauptet worden ist.
Oder den Hinweis, man latsche gerade über den ältesten Friedhof der Stadt, auf dem 3000 Ur-Berliner bestattet worden sind.
Oder die Bemerkung, hier hätten Archäologen 2006 die Reste von fünf Kirchen gefunden. Die habe man an dieser Stelle hochgezogen, weil der Untergrund nicht sumpfig war. Die Kirchen standen auf Sandhügeln.
Eine neue Kirche wollte die Gemeinde nicht bauen. Aber ein Zeichen setzen. Warum nicht die drei großen Religionen in einem Gebäude zusammenführen?
Morgen: Vision und Wirklichkeit
