ENTZUG
sommer zwanzichfuffzehn XLVIII
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Wir schaffen das.
TAG 1
Entzug, kalt.
„Machen Sie das nie“, hatten die Ärzte gewarnt. „Da kriegen Sie das Delir, den epileptischen Anfall, den Kreislauf-Kollaps, das Organ-Versagen.“
Scheiß drauf: Entzug, kalt.
Hans Krohn liegt im Schlafsack und friert schwitzend. Sein Körper lässt ihn nicht aufstehen.
Am Ende ist er. Vertraut nicht mal sich selbst.
TAG 2
Herrgottnochmal, das ist harsch.
Dieses Rummeln im Kopf. Es rummelt und rummelt, und er hofft, dass es aufhören möge. Er dreht die Musik lauter und lauter – aber es hilft nichts.
Er weiß, dass nichts helfen wird. Muss warten.
Fernsehen. Die Trash-Sendungen, Filme, Serien, Filme, nackte Frauen, B-Filme. Gegen halb fünf Uhr morgens kann er die Augen nicht mehr offen halten. 60 Stunden ohne Schlaf. Er liegt blicklos da und wartet.
Das Schwitzen setzt ein. Übelkeit und Angst vor einem Anfall. Angst vor der Zukunft. Angst vorm Sterben. Trash, Spielfilm. Doku. Was auch immer.
Danach Nacht zwei.
Sterben. Schwer atmen. Keine Zukunft sehen
So ist das im Entzug. Du liegst da und bist gefällt.
TAG 3
Nun klingen die schlimmsten Misslichkeiten ab. Hans Krohn duscht und rasiert ein Gesicht, das er nicht ausstehen kann. Rote Augen, pralle Tränensäcke, ein matter Blick. Die Haut grau und fleckig. Ansonsten kann er mit seinem Gesicht ganz gut leben – aber dieses da im Spiegel macht ihn zornig und mutlos.
Er zieht frische Sachen an. „Ich glaube, wir können was kochen“, sagt er zu sich. Der Trinker hat begonnen, mit sich zu reden.
Noch einmal ist die Nacht schlaflos.
TAG 4
Am Morgen geht er spazieren. Nicht weit, er muss immer wieder rasten. Er sitzt auf einem Holzstamm und blickt auf den Fluss. Dann geht er wieder ein Stück. Nach einer halben Stunde ist Krohn schweißgebadet, wäscht sich und schlüpft wieder ins Bett.
TAG 5
Der Entzug endet wie gehabt mit einem „Kater“ im Kopf. Keine große Weinerlichkeit, davon hat er genug gehabt. Er sieht sich an und zuckt mit den Schultern. Das ist er also.
Scheiße!
Verzagt. Gedemütigt. Beschämt.
Panisch. Hilflos. Entsetzt.
Wütend. Zornig. Aggressiv.
Suchend. Weitermachend. Kampfbereit.
Hoffend. Wollend. Lebenshänglich.
TAG 6
Der Wecker klingelt, und das ist gut so. Hans Krohn tapert ins Bad und putzt die Fäulnis von den Zähnen. Das dauert, denn alles schmeckt noch nach dem Traum.
Zum Abschluss des Entzugs setzt es jedes Mal einen satten Alptraum. Der geht diesmal so:
Ich warte im Hotel auf die Preisverleihung (ich habe gewonnen, wasauchimmer). In der Lobby lungern Kollegen rum. Sie haben schlechte Manieren und reden dummes Zeug. Einer steht auf und kommt auf mich zu. Wir sind befreundet. Er sieht mich ernst an und sagt: „Ich werde bald sterben.“ Dann zieht er ein Foto von seiner Beerdigung aus der Brusttasche des Sakkos.
Die Anderen widern mich an. Ich mag nicht mehr. Gehe aufs Zimmer, tigere auf und ab. Dann ziehe ich den Koffer vom Schrank, leere den Inhalt aufs Bett und ziehe mit dem Koffer los, um Alkohol zu besorgen.
Es ist ein Sonntagnachmittag. Menschenleer die Stadt. Die Straße führt steil bergab. Keine Tanke. Nur ein Italiener. Ich trete ein.
Der Wirt und sein kleiner Sohn hinter dem Tresen. Niemand im Gastraum. Ich kaufe Valpolicelli in großen bauchigen Korbflaschen. Auf der Tageskarte steht Lasagne. Ich bestelle drei Portionen. Der Wirt bringt sie in der Auflaufform, auf deren Boden auch drei Brötchen kleben.
Ich beginne, den Klumpatsch in den Mitnehm-Karton zu heben. Wie das stinkt! Nach Krankheit, Verfaulen, Kadaver! Zum Kotzen! Es hört nicht auf zu stinken. Und die Brötchen kleben so hartnäckig in der Auflaufform. Ich kratze und schabe und beginne zu schwitzen.
Eiter. Scheiße. Mundgeruch. Nicht auszuhalten.
Der Wecker klingelt. Nichts wie ins Bad!
Ein neuer Tag.
TAG 7
Es war kein Grau mehr, alles da oben dunkelte sich schnell ins Schwarz – gerade hinter dem gewellten, frisch gepflückten Acker im Nordwesten.
Doch, wo sich der Acker in den Horizont bog, waren noch die Spitzen von hohen Kiefern zu erkennen. Drüber eben der verdunkelnde Grauhimmel.
Dann ging der Blick ein wenig nach oben, alles verhellte sich, verfloss ins Silbergrelle. Keine Wolken, nur eine silbergrelle Fläche.
Die Luft stand.
Dann bogen sich Bäume im Sturm, Geäst wurde abgerissen und jagte übers Land.
Donner.
Blitz.
Das war ein Gewitter vom Feinsten. Das konnte einen schon durchrütteln.
So eines hatte er auch mit Sabrina erlebt. Im Hotel hatten sie gelegen, noch das Lieben im Unterleib, und draußen war die Welt aus dem Gefüge geraten. Sabrina hatte gefragt, ein wenig bang: „Müssen wir Angst haben?“
Er hatte sich genossen. „Nein.“ Den Arm hatte er um sie gelegt und sich gefühlt wie ein Filmheld in Schwarzweiß.
Egal, ob das berechtigt war.
Die Sehnsucht tat körperlich weh. Magen und so.
Das Gewitter zog ab. Krohn wanderte zurück zur Hütte. Räumte auf, spülte ab, goss Tee auf.
Trotzdem: grimmes Unglücklich-Sein.
