NEULAND
sommer zwanzichfuffzehn XLIV
Die Herren von der Wasserschutzpolizei waren dann wirklich nett. Der eine hatte nicht mehr viele Haare und sah aus, als ob er Kraftsport betrieb. Der Kollege war rotbackig und ein Typ wie von der Waterkant.
Im Augenblick waren sie ein wenig verdutzt.
„Nochmal: Wissen Sie, dass Sie zu schnell waren? Sie kennen doch die Regeln?“
Klar. Neun Kilometer in der Stunde sind auf dem Kanal erlaubt. Aber…
„Was: Aber?“ Der Kraftsportler legte Strenge in die Stimme.
Es gebe da ein Problem. Der Motor ziehe das Heck des Boots bei Schleichfahrt nach unten. Dann sitze man an der Pinne und gucke in den Sommerhimmel über Brandenburg.
„Klar, schon klar. Sie haben da einen tollen Motor. 15 PS – da brauchen Sie keinen Führerschein. Aber das ist viel Kraft für Ihr Schlauchboot. Wir schätzen mal, dass Sie mit 25 unterwegs waren.“
„Ehrlich?“ Der Versuch, treuherzig und verblüfft drein zu schauen.
„Ehrlich!!!“ Drei Ausrufezeichen. Das hörte sich nach Knast an.
Der Kollege besänftigte. Man wolle mal nicht so sein. Das Verhalten sei zwar eines Wasser-Rowdys würdig gewesen. Aber wenn man das Versprechen bekomme…
„Klar, passiert nicht mehr.“
„Dann belassen wir es bei einer kleinen Ordnungsstrafe. Sind sie einverstanden?“
Sicherlich. Er schrieb, das Taschengeld für eineinhalb Tage wanderte in die Staatskasse.
„Wo wollen Sie denn eigentlich hin mit Ihrem schnellen Boot.“
„An die Ostsee.“
Dem Bodybuilder standen die Resthaare zu Berge. „Wie bitte?“
„Naja, zumindest bis ins Stettiner Haff.“
Der Freundliche fasste sich als Erster. „Ähm, ja, Ostsee, soso. Und wo kommense her?“
„Von Neuruppin“
„Sie machen vielleicht Sachen. Sie wissen schon, das ist weit und nicht ganz ungefährlich.“
Treuherziger Blick. Harmloses Nicken.
„Hat Ihr Kahn wenigstens ‘nen Namen?“
Eigentlich nicht.
„Nennen Sie ihn doch einfach ,Unternehmen Ostsee‘. Nichts für ungut. Dann machen Sie mal weiter. Wir wünschen Gute Fahrt.“
Es waren wirklich sehr nette Polizisten.
Und so witzig. „Unternehmen Ostsee“! Zum Quietschen!
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Es waren die letzten Uniformierten auf dem Weg nach Polen. Von nun an blieben die neuen Bekanntschaften folgenlos.
Vor Niederfinow traf Krohn vor einem Cafè am Kanal auf einen Herrn, der der seriöse Zwilling des Ex-Bankers Rolf Breuer hätte sein können.
„Nee“, lachte er, „mit dem Breuer habe ich nichts zu tun. Obwohl ich ihn immer wieder getroffen habe.“
Wie das?
Der Mann trank seinen kühlen Nachmittags-Chablis leer, bestellte noch ein Glas. Er blickte auf den stillen Kanal und hing seinen Erinnerungen nach.
„Ich habe ein mittelständisches Bau-Unternehmen gehabt, da bin ich dem Herrn Breuer und seinen Kollegen immer wieder bei Verbandstagungen begegnet. Naja – ist lange her.“
Was seither passiert sei?
Schlimmes und Glückhaftes, erzählte er. Zuerst, da plante er gerade den Ausstieg aus dem Beruf, starb seine Frau. Er dachte, das sei es auch für ihn gewesen. Die Firma hat er schnell abgestoßen. Zwei, drei Jahre in Gesellschaft vom Chablis sind ins Land gegangen. Und dann hat er sich einen Ruck gegeben. Hat alle Häuser verkauft und sich eine Jacht angeschafft.
„Da unten liegt sie. ,Marie-Luise‘. So hat meine Frau geheißen.“
Teures Boot.
„Was heißt teuer? Ich wohne drauf. Habe lange danach gesucht. Früher bin ich gesegelt. Jetzt wollte ich ein neues Zuhause. Das hat mit Hobby nichts zu tun. Das ist mein Leben.“
Geht es genauer?
Sicher. Er ratterte die Daten herunter. 21 Meter lang, knapp fünf Meter breit. In den USA gebaut. Gebraucht und super gepflegt. Motorisiert mit einem 540-PS-Mercruiser. 1065-Liter-Tank. Aluminium, innen Mahagoni, es fehlt an nichts. Kosten: eine schlappe halbe Million.
Herr Breuer light war stolz. Er würde sich in den nächsten Tagen ganz langsam nach Berlin arbeiten. Dort würde er Freunde treffen und die neuen Ausstellungen ansehen. Wenn er dann genug von der Kultur hätte, würde er mit seinen 540 PS in Richtung Hamburg tuckern.
„Wird ein schöner Sommer“, sagte er und nippte am Chablis. Dann vertiefte er sich wieder in sein Buch. Es handelte vom „Geheimobjekt Atombunker“. Das würde er sich ansehen. In einem Wald zwischen Rostock und Greifswald war einer der geheimnisvollsten Bunker des Kalten Krieges: die unterirdische Troposphären-Funkstation 302. Bis kurz vor dem Ende der DDR waren dort 40 Millionen Mark verbaut worden, doch wenige Monate nach der vollständigen Inbetriebnahme 1990 war die hochmoderne Anlage nichts mehr wert. Jetzt hatte man die Anlage verplombt – aber das störte unseren Hausboot-Abenteurer nicht. Er kannte da jemanden, der ihn gegen das richtige Führer-Geld in den Bunker schleusen würde.
„Technik, die das Undenkbare anstrebt, fasziniert mich“, sagte der Mann.
Aha. So war das also.
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Eine Stunde später. „Wir schleusen jetzt das Sportboot durch“, kollerte eine tiefe Stimme aus dem Lautsprecher an der Raststelle vor dem Hebewerk Niederfinow. Der Motor von „Unternehmen Ostsee“ tuckerte los. Im Schritttempo ging es in den schummrigen „Trog“, in dem sich das kleine rote Schlauchboot zu verlieren schien.
Die Schleusentore schlossen sich, beinahe geräuschlos. Es blubberte. An den Toren wallte weißes Wasser. „Unternehmen Ostsee“ dümpelte im Bauch eines technischen Monstrums, die Fahrt nach unten mochte beginnen.
Anfang des letzten Jahrhunderts begannen die klügsten Konstrukteure der Zeit darüber nachzudenken, wie sie in einem Lift die Schiffe zehn Stockwerke nach oben und unten transportieren könnten. Nach mehr als 20 Jahren Diskussionen hatten sie ein gigantisches System entwickelt.
In der Umgebung wurden Kiesgruben erschlossen, Gebäude für Werkstätten für Holz und Metallarbeiten, Lagerräume, mehrere Wohnhäuser, eine Kantine und ein großes Bürogebäude im Eberswald Urstromtal errichtet. Eine Kanalisation wurde gebuddelt, ein eigenes Dieselmotorenkraftwerk machte den Strom. Gleichzeitig wurde auch die Landstraße Niederfinow–Liepe als Notstraße in einem großen Bogen um die Baustelle umgeleitet.
So wurden im Ober- und Unterhafen der Schleusentreppe temporäre Umschlagstellen angelegt. Mittels einer extra eingerichteten Baustellenbahn wurden die angelieferten Materialien zur Baustelle transportiert. Über eine Fährverbindung zwischen dem Hafen am Atomill und einem Anleger am Finowkanal oberhalb der Lieper Schleuse war es möglich, Eisenbahnwagen mit Bauteilen zum Hebewerk zu liefern. Zum damaligen Zeitpunkt befand sich in Atomill (einem Ortsteil von Niederfinow) noch ein Gleisanschluss und ein Hafen, davon sind heute nur noch Fundamentreste zu sehen.
Dann zogen sie ihr Wunder-Werk hoch. Das Ganze hat 28 Millionen Reichsmark gekostet und dauerte sechs Jahre. Im März 1934 wurde zum ersten Mal geschleust. Dann passierten im ersten Jahr 2.832.000 Tonnen an Gütern den Mega-Lift.
Es war ein solides Bauwerk. Seit der Premiere ist der Betrieb an 47 Tagen ausgefallen.
Das stimmte zuversichtlich. „Unternehmen Ostsee“ dümpelte, lose vertäut an der Bohlenwand des Trogs. Nach oben verzweigten sich Stahlstreben und Träger, seitlich wurde ein Blick auf die Landschaft frei. Das Restaurant, der Parkplatz für die Wirtschaftswunder-Touristen, die geduckten Häuser an der Hebewerkstraße, das dunkle Band des Finowkanals in der Ebene, die gemähten Wiesen und die Baumreihen und Wäldchen. Noch waren sie unten, doch stetig senkte sich der „Trog“ mit dem Gast „Unternehmen Ostsee“.
Eine ruhige Fahrt war das. Das dicke Holz knackte ein wenig, irgendwo ächzte Material. Wenige Tropfen fielen mit einem lässigen Plätschern neben dem Schlauchboot ins dunkle Wasser.
Was für eine wunderhafte Vorrichtung! 94 Meter lang und 60 Meter hoch. In fünf Minuten überwindet das Hebewerk 36 Meter Höhenunterschied im Zug des Oder-Havel-Kanals. Es wird von 11 000 Schiffen pro Jahr passiert. Fünf Millionen Nieten halten das Schiffshebewerk zusammen. Konstruiert wurde der Schiffs-Fahrstuhl aus gewöhnlichem Baustahl. Der Trog, in dem die Schiffe schwimmend befördert werden, hängt an 256 Seilen, die erstmals im Winter 1984/85 erneuert wurden.
Hach, es war schön, Vertrauen zu haben!
Der Lift kam zum Stehen. Kein Wellenschlag, nur das sachte Murren der Schleusen. Es wurde Licht in Richtung Osten. Auf der Kommandobrücke erschien ein hagerer Arbeiter im Blaumann. Das war der mit der tiefen Stimme von vorhin.
Er winkte.
„Danke, Chef. Und schönen Feierabend noch.“
„Geht klar.“ Jetzt grinste er. „Du weisst schon, ist noch mächtig weit bis zur Ostsee.“
Wie? Woher wollte er wissen, dass die Ostsee das Ziel der Reise war?
Er blickte in den märkischen Himmel. “Ach, man hat so seine Verbindungen. Und eines musste hier immer wissen. Das Wasser hat keine Geheimnisse.“
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So hatten denn die freundlichen Polizisten dafür gesorgt, dass alle, die das passende Programm im Funkgerät eingeschaltet hatten, jetzt unterrichtet waren, es gebe da ein rotes Schlauchboot, das mit mutmaßlich überhöhter Geschwindigkeit in Richtung Polen und Stettiner Haff unterwegs sei.
Es war zum Einen unheimlich, dass das Wasser solcherart kein Geheimnis kennt. Andererseits war es beruhigend: Jetzt gab es einen Großen Bruder, der ein Auge auf das „Unternehmen Ostsee“ hatte.
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Abends senkte sich dann ein großer Friede über den Oderbruch. Zeit, einen Hafen für die Nacht zu finden.
Zwei Datschen an der Wriezener Alten Oder. Die Fensterläden verschlossen, der Rasen seit Wochen nicht gemäht, Unkraut in den Beeten. Auf dem Steg lag Blütenstaub.
„Unternehmen Ostsee“ rieb sich ab und zu an den Planken. Es gab „Mädchentraube“ und Jazz aus einem Polen-Sender. Schweres Gewölk zog dunkelgrau über den Fluss, wurde langsamer und langsamer, kam zum Stillstand. Der Himmel wurde schwarz und rührte sich nicht mehr, ein Fisch sprang. Drüben in den hohen Weiden und Pappeln hatten sich alle Vögel des Oderbruchs versammelt und machten Krach.
Endlich mal Zeit, ihnen zuzuhören. In diesem Orchester von Gezwitscher und Zirpen und Singen und Flöten hatte jeder seine Aufgabe. Da gab es:
Die Verlautbarer – sie wiederholten ihre Rufe, monoton und ohne Unterlass. Sie hatten eine Botschaft, die wollten sie los werden.
Die Sänger – ihr Leben war l’art pour l’art, die Kunst um der Kunst willen. Sie variierten die Melodie, saßen auf ihrem Ast und pfiffen aufs spießige Leben.
Die Verführer – die, die nur auf eines Lust hatten. Dafür wurde jetzt Krawall gemacht. Wie sagte der „Monaco Franze“, der große Frauenheld: A bisserl was geht allerweil.
Die Adabeis – eigentlich hatten sie nichts zu zwitschern. Sie waren bedeutungslos im großen Heer der Tirilanten. Aber weil es sie nun mal gab, machten sie eben auch mit. Nach dem Motto: Haste mal ‘nen Ton für mich?
Es wurde Nacht. Ein letztes Boot bullerte westwärts. An Bord saßen drei Männer, sahen den Steg, hörten den Jazz, registrierten den ausgerollten Schlafsack und den Menschen, der zu den Vögeln hin horchte. Die Männer hoben die Dosen in Richtung „Unternehmen Ostsee“.
Sie lachten. „Woischd scho, dass es no rägne wird“, sagte einer. „Trotztdem – a guats Nächtle.“
Dann waren sie weg. Und bald hielten auch die Vögel endgültig die Schnäbel. Kein Wind. Kleine Wellen. Irgendwann begann es sacht zu regnen.
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Der Chef der Marina Oderberg war früher Radrennen gefahren, nun hatte er mit seinem Betrieb genug zu tun. Hannes Kelle würde gerne öfter auf dem Wasser sein – schon mit fünf war er an der Pinne gesessen, wenn die Polizei nicht hin sah, seither hat er fünf Motorboote gefahren. „Das Wasser ist mein Ding“, sagte er. Aber nun musste er eben drauf achten, dass die Geschäfte laufen. Er und sein Vater hatten sich lange überlegt, wie sie das im Internet kommunizieren sollten:
„Im Jahr 2013 sind wir überraschend Eigentümer dieses schönen Fleckchens Erde geworden. Damit erfüllte sich für unsere Familie ein Traum, der wohl viele von uns bewegt. Seitdem arbeiten wir daran, Ihnen einen unvergesslichen Aufenthalt in unserem Hafen zu gestalten und erweitern unsere Angebote nach den Wünschen unserer Gäste.
Neben dem Restaurant, dessen Service Sie soeben genießen, bieten wir Ihnen Übernachtungsmöglichkeiten in Hotel und Zelt, Bootliegeplätze, Caravanstellflächen oder einfach die Möglichkeit zu entspannen.
Wir betreuen in dieser ruhigen, manchmal sogar romantischen Lage auch Ihre Veranstaltungen und Familienfeste. Genießen Sie die Ruhe und schauen Sie den Wasservögeln zu.
- . Die Fläche des Areals beträgt 8000 Quadratmeter
- . Hotelzimmer mit eigenem Bad und TV
- . Restaurant mit 50 Plätzen
- . Sommerterrasse 50 Plätze
Unsere leichte deutsche Küche ist saisonfrisch. Auf unserer Speisekarte finden sich natürlich auch geliebte regionale Speisen und Produkte. Jedes Gericht wird frisch für Sie zubereitet und Gutes braucht Zeit.“
Man könnte es auch kürzer fassen: Die Marina Oderberg war ein kleines Paradies.
Wenn Hannes es sportlich haben wollte, holte er seinen Jet aus dem Schuppen, fuhr zur Schleuse, wechselte auf die alte Oder und drehte den Gasgriff auf. Oft war der Fluss glatt und bretthart, dann hob der 200-PS-Jet beinahe ab. Dann war man, mit schmerzendem Bizeps und Adrenalin-getränkt, nach einer knappen Stunde in Stettin.
Geiler Trip.
Einmal im Jahr startete Hannes zu einem Kurzurlaub durchs Stettiner Haff an die Ostsee. Dort warteten schon die Freunde – und man maß sich ein Wochenende lang mit den Wellen. „Angst“, sagte Hannes, „darfst Du nicht haben. Aber wer keinen Respekt kennt, ist dumm. Das Haff und die Ostsee – das ist kein Kindergeburtstag.“
Er schilderte, was passieren würde, wenn im Haff die Wellen kabbeln. Dann würde ein „Unternehmen Ostsee“ zu einer überschwappenden Badewanne. Dann liefe das Boot voll, wenn man sich in der Ufernähe bewegte. Dann müsste man richtig Gas geben, um aufs offene Wasser zu kommen. Dann könnte es passieren, dass selbst im Haff innert einer halben Stunde das Land außer Sicht gerät.
„Wenn das passiert, dann biste ganz schnell am Handy und rufst die Seenotrettung an.“
Lächelnd sah er Hans Krohn in die ängstlichen Augen. „Aber ansonsten ist alles toll da draußen. Mach es gut, viel Spaß denn auch.“
