LIEDERLICHE STADT
wien, 30. april 2015
Das Ehepaar aus Deutschland hat sich auf einer Bank im oberen Teil des Belvedere-Lustgartens nieder gelassen, verzehrt Käsestullen und lässt die Eindrücke aus der “Wiener-Kongress”-Ausstellung Revue passieren. Er beißt ins Brot, sieht träumerisch zu den flanierenden Besuchern und sagt: “Bei der ganzen Tanzerei und Feierei muss man sich ja wundern, dass die überhaupt Politik gemacht haben vor 200 Jahren.” Seine Frau nickt und ist stolz auf ihren Männe. Das hat er mal wieder klasse auf einen Nenner gebracht: Die Österreich sind schon so ein seltsam’ Volk von Feier-Biestern.
15 Gehminuten entfernt sitzt an diesem Nachmittag einer im Café Frey und führt das große Wort, weil er zwei Sekretärinnen am Tisch imponieren will. Unter Anderem hat er was zum “Eurovision Song Contest” zu sagen, der im Mai Wien zur Hauptstadt der Welt machen wird.
“Da können wir’s allen zeigen. Dass wir wer sind. Und wie wir Party machen. Da werden sich noch einige umschauen. Des wird einfach nur mega.”
Vor zweihundert Jahren hat sich die Welt um Wien gedreht, jetzt tut sie es auch wieder. So zumindest sieht es der gemeine Wiener. Die Herrschaften von Film, Funk und Fernsehen tun das auch. Und die Geschäftl- und Geschäftemacher wittern ohnehin den schnellen Schilling – Verzeihung, den Mega-Euro. Aufs Trittbrett einer worldwide Lieder-Wettsing-Veranstaltung wollen alle. Supermarktler und Kasblattl-Verleger, Benzin-Anbieter und Brause-Brauer, “Kunstschaffende” und Facebookler…
Jeder, der zwei bis zwölf Töne komponieren kann oder “Lied” auf “Hit” reimt, schreibt noch schnell einen Song zum Song. Österreich ist eine Nation von Eurovision-Adabeis.

War ja ähnlich vor 200 Jahren. Da hatten sie mal schnell auf den Schlachfeldern Europas den korsischen “Putin” Napoleon klein gemacht, nun ging es ans Aufteilen von Europa. Zu diesem Behuf traf man sich auch in Wien, dem Mekka der Politik.
Und weil kluges Regieren am besten geht, wenn sich die Verhandlungspartner wohl fühlen, hat man die Stadt zu einem gigantischen Amüsierbetrieb umgebaut.
Die österreichischen Gastgeber mit Kaiser Franz I. und Fürst Metternich an der Spitze organisierten Fasanenjagden im Prater, Karussell in der Winterreitschule, festliche Redouten in der Hofburg, pompöse Empfänge und Bälle. Die Fünf-Sterne-Köche der damaligen Zeit schwitzten über neuen Kreationen, die Herren Politiker besuchten die diversen Rotlichtbezirke der Stadt und kümmerten sich solcherart um die Völkerverständigung – bezahlt wurd das aus der Staatskasse.

Nach der anfänglichen Begeisterung der Bevölkerung über die Prominenz aus aller Welt wurde der Rummel dem Prekariat bald zuviel und zu teuer. Bereits im Oktober 1814 zirkulierte in Wien ein Flugblatt, in dem die zum Kongress versammelten Monarchen über sich lesen mussten:
„Er liebt für alle: Alexander von Russland. Er denkt für alle: Friedrich Wilhelm von Preußen. Er spricht für alle: Friedrich von Dänemark. Er trinkt für alle: Maximilian von Bayern. Er frisst für alle: Friedrich von Württemberg. Er zahlt für alle: Kaiser Franz“.
Es sind auch die Worte von Kaiser Franz überliefert, als er im Kreis seiner Mitarbeiter seufzte: “Wenn das noch lang so weitergeht, lass ich mich pensionieren“
Ein ausgesprochenes Feierbiest war dazumal der russische Zar. Er genoss den mehrmonatigen Aufenthalt in Wien – endlich konnte er mal aus höfischen Zwängen und Konventionen aussteigen. Und er feierte, feierte, feierte. 60 Tage tanzte der Typ durch. Soviel Stehvermögen, Charme und offensichtliche Virilität verärgerten die anderen politischen Alpha-Tiere – das kann man heute aus den Papieren ersehen.
Der russische Zar kam in Wien in der Pferdekutsche am 25. September 1814 an. Davor machte er einige Male Station nördlich der Stadt, darunter auch in der Weinregion Poysdorf. Dort wurde ihm der einheimische Wein serviert und er schmeckte ihm so gut, dass er fortan Poysdorfer Rebensaft an den Hof in Sankt Petersburg geliefert haben wollte.
Arggh!
Da schäumten die anderen Monarchen. Dieser russische Superstar! Mit dem würde man immer seine Probleme haben. Der würde mit seiner Divenhaftigkeit den Leuten noch mächtig auf den Keks gehen.
Tat er auch, aber: Schwamm drüber! Verjährt!

Nur eines fanden die Wiener im Jahr 1815 supertoll: Ein neuer Tanz wurde beim Kongress salonfähig. Der neumodische Walzer. Das war eine geile Sache. Enger, schneller, leidenschaftlicher als je zuvor durften sich die Kavaliere und die Weiberleut’ drehen. Erstmals wurde die geschlossene Haltung den ganzen Tanz über beibehalten, der Partner eng umschlungen. Birgit Jung, Leiterin der Tanzschule Arthur Murray und Veranstalterin der Wiener Walzer Weltmeisterschaft. “Noch nie war man einander beim Tanzen so nahe gekommen. Der Walzer war ein tänzerisches Spiel von Werben, Umkreisen, Fliehen und Fangen des Partners. Vor 1770 hatten einander beim Tanzen meist nur die Hände berührt.”
Cool. Da hat dann der Kongress wirklich was gebracht!
Mal sehen, was vom “Contest” bleibt.
Die Fakten versprechen einiges.
Mehr als 25 Millionen Euro werden durch den Schlager-Wettbewerb generiert. Am 23. Mai geht in Wien der 60. Song Contest über die Bühne. 200 Millionen Fernsehzuschauer wollen es live sehen. Schlagerfans in ganz Europa, aber auch in China, Kanada und Australien. Aus Australien kommt in diesem Jahr auch Teilnehmer Nunmer 40. Mehr als 120.000 Besucher kommen in der Contest-Woche zu neun Shows in der Wiener Stadthalle. Akkreditiert sind über 1500 Journalisten und BloggerInnen und mehr als 1300 Delegierte. 700 Freiwillige freuen sich aufs Helfen…
Mega, mega, mega. Alles wie gehabt, alles wie 1815.

Und das mit den Skandalen hat ja auch schon begonnen. Deutschland reist zum Beispiel mit einer Kandidatin zweiter Wahl an. Der kauzige Andreas Kümmert (28) gewann zwar die Quali, wollte aber nicht nach Wien. So kommt nun eine verdutzte Ann Sophie (24).
Seit Kümmerts Rücktritt ist in Deutschland das Chaos perfekt. Für die Zweite-Wahl-Siegerin setzte es im TV-Studio Buhrufe, Zehntausende Fans fordern im Netz ihr Geld fürs Voting zurück. Der Kurzzeitgewinner selbst war abgetaucht, rangierte trotz Shitstorm aber auf Platz eins der Charts. Seiner Nachfolgerin werden in Wien wenig Chancen eingeräumt.
Bessere Karten haben da in Wien die Finnen: Drei Mitglieder der Punk-Truppe Pertti Kurikan Nimipäivät haben das Down-Syndrom, einer ist Autist.
So, wie wir Wien kennen, gibt das einen Skandal oder neue Stars. Drunter werden es die Ösis nicht tun.
