VOR SONNENUNTERGANG
scheisszeitenwende 122
Die lächelnde Dame ist weg. Hans Krohn hat zu lange über seinem Notizbuch gebrütet, er hat nicht einmal wahrgenommen, wie sie gezahlt hat und gegangen ist.
Immer noch stehen auf der zweiten Seite gerade mal die Wörter Ich Ich? Ich!
Jetzt aber!
Hans Krohn beginnt:
„Ich bin der Manni“, sagte der Tresen-Nachbar. „Ich hätt‘ da mal eine Frage.“
Ich war ein wenig verwirrt, weil ich mich mit den Gedanken in die nächste Zeile meines großartigen Gedichts verstrickt hatte.
„Wie bitte?“
„Tschuldige, ich hab‘ Dich gestört, gell. Ich bin der Manni.“
„Achso. Nein, Du störst nicht. Hans. Ich heiße Hans.“
„Ich bin nur neugierig: Bist Du ein Schriftsteller?“
Ich antwortete nicht sofort. Eigentlich hätte ich sagen müssen:
Hans Krohn legt den Stift aus der Hand.
Nein, so wird das nichts.
Das sind die Geschichten aus dem letzten Jahrhundert. Das ist aus einem Leben, das nicht einmal ihn noch besonders interessiert. Wenn er so weiter plaudert, schafft er es nie ins Jetzt. Wenn er so weiter schreibt, lügt er weiter und weiter und weiter.
Und er mag das nicht mehr.
Also wird er es wieder versuchen. Aber diesmal…
Hans Krohn kneift die Augen zusammen und hat das Gefühl, er sehe aus wie ein entschlossener harter Kerl, der die besten Jahre hinter sich und jetzt nichts mehr zu verlieren hat.
Einer, der sich seinen Gedanken stellt. Was gewesen ist, kommt zu den Akten. Noch eine kurze Reprise – dann ab damit ins Archiv.
Der Mann vor dem „Platzhirsch“ lächelt, bestellt noch ein Bier und schreibt seiner Vergangenheit ein letztes Hurra!.
Hans Krohn, geboren in den 68ern, aufgewachsen in Bayern. Humanist, weil ihm das die Benediktiner beigebracht haben. Trinker, weil er das von den Mannschaftskameraden von der Ersten des heimischen Fußballvereins gelernt hat. Studium abgebrochen. Verhinderter Totengräber und Schauspieler in Paris. Verhinderter Holzarbeiter in Bayern. Werbetexter durch Zufall…
So könnte das was werden.
Die Sonne mag für heute nicht mehr und verkrümelt sich hinter Wilmersdorf.
Der Ober wischt die Tische sauber.
„Trinken’Se ruhich aus und lassen’Se dit Jlas einfach stehn“, sagt er. „Sie sin so schön am Schreim.“
