ÜBERFLIEGER
scheisszeitenwende 125
„Ist alles in Ordnung?“
Die junge Frau kann ja nichts dafür, dass das Frühstück mies ist. Außerdem ist es Hans Krohn schnurzpiepegal:
Der Kaffee ist eine charakterlose Plörre.
Die Schrippen haben das Aufbacken nicht vertragen und kollern verdörrt durch den Brotkorb.
Wurst mag Krohn ohnehin nicht, deswegen stört es ihn nicht, dass die Salami angegammelt schillert.
Der Käse agonisiert auf der kleinen Etagère und weiß selbst nicht mal, ob er ein Camenbert oder ein Emmentaler ist.
Die Konfitüre glibbert in furchtbarer Süße im Schälchen.
„Alles in Ordnung, der Herr?“
„Ja“, sagt Hans Krohn und meint es auch so.
Er ist hingerissen von diesem Augenblick. 208 Meter über dem Alexanderplatz sieht er an einem kleinen Tisch des Restaurants auf Krähen, die sich in diese Höhe haben treiben lassen und mit dem Wind spielen. Krohn ist auf Augenhöhe mit den Wolkenflusen, die zum Horizont segeln. Er fühlt sich großartig.
Etwas weiter hat ein amerikanisches Ehepaar zur Feier des Morgens eine Flasche Chablis bestellt und verzehrt klaglos das ansonsten lieblose Frühstück. Die Frau und der Mann reden nicht, sie sehen auch nicht viel aus dem Fenster, sie haben einander im Blick, und das reicht ihnen.
In Hans Krohns Rücken toben kleine Kinder, ihre Eltern kümmern sich nicht drum. Drei oder vier Familien sind das – die Erwachsenen schnattern Unsinn, die Kinder gehen allen auf den Keks und laufen den Bedienungen zwischen die Beine. Die ganze Bagage ist zum Kotzen.
Hans Krohn kümmert’s nicht.
Ab und zu notiert er etwas in sein Buch. Mit dem Handy fotografiert er unentwegt nach unten. Er wird die wichtigsten Motive in einem Copy-Shop ausdrucken lassen, er wird sie brauchen. Das Restaurant in der „Kugel“ des Alex dreht sich langsam um die eigene Achse. Und Krohn kann sich gar nicht satt sehen.
Karl-Marx-Allee, Marzahn, Köpenick, Erkner, Märkische Schweiz, Erdkrümmung.
Fischerviertel, Moritzplatz, Tempelhofer Feld, Großbeeren, Fläming, der Süden.
Unter den Linden, Brandenburger Tor, Tiergarten, Kantstraße, Teufelsberg, Spandau, Sonnenuntergang.
Synagoge, Mauerpark, Pankow, Lübars, Schönwalde, Wandlitz, Schorfheide, hinterm Horizont das Meer.
Und er, Hans Krohn, im Fadenkreuz. Im Adlerhorst, 38 Lift-Sekunden über Berlin.
Er zeichnet einen Stadtplan und markiert mit Kreuzen die Ziele der nächsten Wochen.
Mal sehen, was für Geschichten er dort unten finden wird.
