STAMMTISCH
„2017”*, Folge 93, 19. Dezember. “Durchs Land”/XXXIV
Jüterbog. Stammtisch. Abend. Sinnieren ins Bierglas.
Einer setzt sich gerade hin und lässt es raus:
„Ick würd‘ ne Bombe bauen lassen – und die explodiert dann überm Tempelberg. Dann wär‘ Schluss mit der janzen Scheiße. Jerusalem Hauptstadt oder nich – is doch allet Keese. Die Jeschichte mit die Juden – dit is vorbei. Opfer sin se schon lang nich mehr. Die drängeln sich doch in die Länder von die janze Welt. Klar, dit war nich schön mit die Vergasungen und so. Und wat beim Hitler so passiert is mit die Juden. Aba dit is vorbei. Wegen dem Scheiß dürfn wir uns doch nich vonner Hand von Menschen erpressen lassen.“
Man nickt.
xxx
Sebastian Krohn war 50, als der Alkohol übernahm. Vormittags machte er sich nüchtern, um halb drei fuhr Krohn senior in die Wirtschaft. Er saß tagein, tagaus am selben Platz, ein Glas Weizen vor sich, er schaffte bis sieben Uhr abends sechs Bier, macht zwei pro Stunde, das ist okay.
Sie redeten nicht viel. Wenn eins starb, wurde die Sache besprochen. Kommentiert wurden die Aktionen des Kanzleramts, die Aussichten des FC Bayern München und das Wetter. Dann fing man wieder bei den Toten an.
Dazwischen:
Silentium.
Zwei Bier pro Stunde. Nach drei Halben stellte sich das Vergessen ein. Also, prost Kameraden! Hoch die Tasse! Und wieder und wieder.
Tagtäglich. Mit preußischer Disziplin. An einem bayerischen Stammtisch aus Resopal.
*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
