SCHEINHEILIGE
„2017”*, Folge 79, 5. Dezember. “Durchs Land”/XXI.
Nürnberg. Hier, in der Weststadt, ist der Mann aufgewachsen. Er hat seinen Eltern, die ein kleines Baugeschäft bewerkelten, immer Freude gemacht. Hat zwar eine große „Babbn“ gehabt, war immer schon ein Protzkopf. Aber er hat auch Leistung gebracht. Einser-Abi, Staatsexamen, Stipendium an einer konservativen Lehranstalt, Staats-, Verwaltungs- und Kirchenrecht hat er studiert und ist ein umtriebiger Journalist geworden.
1991 lernte er in einem Sonnenstudio die Angestellte Ulrike B. kennen. Man telefonierte miteinander, man traf sich, sie himmelte ihn an, man trieb so dies und jenes, sie wurde schwanger, sie gebar eine Tochter.
Da machte er sich flugs sich vom Acker.
„Markus hat das Kind nicht gewollt. Als ich ihm von der Schwangerschaft erzählt hatte, hat er mir gesagt, dass er mich auf keinen Fall heiraten werde. Ich glaube, ich war ihm wohl zu arm. Außerdem sei er gerade dabei, eine neue, feste Beziehung aufzubauen“, hat Ulrike B. der „Bunten“ später gesteckt. Da war Markus schon bekannt wie ein scheckiger Hund. Und immer für einen schlechten Spruch gut. Nürnberg war ihm mittlerweile viel zu eng.
Was er so von sich gegeben hat?
Na, da hätten wir beispielshalber:
„Wenn wir Reformen machen wollen, brauchen wir einen Mannschaftsgeist. Und dieser Mannschaftsgeist ist der Patriotismus.“
„Schuld am Zuwachs der NPD ist Schröders (Gerhard Schröder, deutscher Bundeskanzler) Politik der faulen Hand.“
„Schröder ist der unglaubwürdigste Kanzler, den es je in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gegeben hat. Schröder hat nicht nur das Land ruiniert, er lügt sich im Moment durchs Land und durch die Fernsehstationen.“
„Irgendwann muss jeder bei der Mama ausziehen, und die Griechen sind jetzt so weit.“
„Nicht jeder, der in der Welt unterwegs ist, kann automatisch zu uns kommen.“
„Wir helfen auch den kleinen Bundesländern, wie Saarland und Berlin, aber halt etwas weniger. Denn bayerisches Geld ist am besten in Bayern aufgehoben.“
„Die APO-Opas haben Deutschland in die Krise geführt.“
„Wir müssen den Menschen zeigen, was uns Begriffe wie Heimat, Tradition, Brauchtum, Nationalhymne und Schulgebet bedeuten.“
„Wir müssen uns auf unsere deutschen Tugenden zurückbesinnen: Das sind Fleiß, Leistungsbereitschaft, Disziplin, Höflichkeit und Pünktlichkeit.“
„Wir brauchen eine gewisse Orientierung in der Erziehung und in den Schulen. Dazu gehört zum Beispiel Benimmunterricht statt Erlebnis- und Kuschelpädagogik. Es ist sinnvoll, auch über unsere nationale Identität und deren Symbole zu reden. Daher ist es wichtig, die Nationalhymne aber auch die Bayernhymne zu lernen und zu singen.“
„Ich glaube fest daran, dass Kinderschändern Gerechtigkeit widerfahren wird. Dass sie nie wieder eine Sekunde ihres Lebens verbringen können, ohne an das Wimmern und an die ängstlichen Augen ihres Kindes denken zu müssen. Dass sie nie wieder einen einzigen Funken Glück verspüren werden. Dass sie jede Nacht von fürchterlichen Albträumen geplagt aufwachen. Ich glaube fest daran, weil es einfach so sein muss.“
„Trambahn-Schwarzfahrer gehören an einen Internet-Pranger.“
„Die Grünen gehören alle zum Drogentest.“
„Gerhard Schröder gehört abgeschafft.“
„In Klassenzimmer gehören Kruzifixe und keine Kopftücher.“
„Unsere Kinder gehören wieder deutsch getauft. Wir haben genug Kevins. Wir brauchen wieder Klaus.“
Solche Sachen hat er gesagt, der Markus aus Nürnberg. Manche sagen, er sei ein scheinheiliger Zeitgenosse, ein windiger Patron, In Bayern sagen Freunde, er sei ein „verreckter Hund“.
2017 ist sein Jahr. Endlich – Anfang Dezember ist’s – hat er es geschafft, in Bayern jeden wegzubeißen, der ihm im Weg stand. Nun musste auch der Horst Seehofer dran glauben. Der ist bald nicht mehr Ministerpräsident. Den Job wird bald der Markus Söder machen. Braungebrannt und skrupellos.
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Der Krohn Sebastian: ein verreckter Hund. Er hat seinen Weg im fernen Düsseldorf gemacht. Man schrieb 1955, als er zureiste. Und es dauerte gerade mal ein paar Jahre, da war er einer der vielversprechenden Architekten der Region
40 Jahre später traf Hans einen Freund des Vaters. Sie standen stundenlang beim Alt und wurden gesprächig.
Ja, der Vatter, das war ein ganz Besonderer, erzählte der ältere Herr. Der habe sich nicht bremsen lassen. Einer, der sich die Arbeiten der Erfolgreichen genau ansah. “Der hat das genauso wie gemacht wie er’s abgucken konnte, da war er Spezialist.
Vor allem aber hat er sich Liebkind bei den Wichtigen gemacht. Da war er ganz groß.
Man kann ja von so einem Jungspund nicht erwarten, dass er sofort den ganz großen Wurf landet. Der soll sich erst einmal unterordnen und dann hochdienen.
So ist es normalerweise gewesen, seinerzeit.
Nicht bei Sebastian Krohn.
Er kam als ungehobelter Bayer mit einem preiswerten Anzug von der Stange – aber nach einem halben Jahr trug er nur noch feinen Zwirn.
Eishockey spielte er immer noch. War wichtig für die Karriere.
Er war der Erste im Büro und der, der das Licht ausmachte.
Er schaute allen alles ab, kopierte es perfekt – und schon bald glaubten die Kollegen und Chefs, es sei ihm selbst eingefallen.
„Und das hat Dir nicht gestunken?“, fragte Krohn.
Der Kollege seines Vaters zögerte. „Ja doch, es hat genervt. Aber Dein Vater hat es mit dem Chef gekonnt. Dem hat er die besten Karten fürs Eishockey hinterlegen lassen, sogar in die Kabine ist der Boss nach den Spielen gegangen. Dafür sind die Beiden dann unter der Woche zum Mittagsessen. Das konnte sich Dein Alter nicht leisten, hat alles der Chef bezahlt. Und da haben sie dann an den Aufträgen rumgedoktert. Keiner von uns hat sich noch gewundert – auch nicht als dieser Bayer nach zwei Jahren nach ganz oben befördert worden ist.“
Es war eine bittere Geschichte für viele. Diesem Krohn konnte keiner was. Der machte sich breit wie das Fettauge auf der Suppe.
„Er hat es sogar in die Wochenschau geschafft.“
Hans Krohn hat später den Ausschnitt aus der Wochenschau“ organisiert, wollte ihn dem Vater zum 70.en schenken.
Er hat es dann nicht getan.
Da trat ein junger schlanker Mann auf, in dem Krohn nicht den Mann erkannte, der der Familie „vorstand“. Das war ein hungriger ausgemergelter Raubmensch im Anzug, der glühende Augen hatte und mit rücksichtsloser Rhetorik über die Konkurrenz herzog.
„Mir geht es um die Zukunft von Deutschland“, hatte Sebastian Krohn gepoltert. „Wie in der Wirtschaft, der Politik, wie in allen Bereichen müssen wir auch in der Architektur rücksichtslos aufräumen. Die Epigonen eines Albert Speer haben bei uns nichts zu suchen. Wir bauen ein neues, schönes, heiteres Land. Wir schneiden alte Zöpfe ab.“
Dafür holte er sich dann das Lob des Chefs ab. Der musste es wissen. Schließlich hatte er dem großen Schelling assistiert, als dieser sein Büro in Straßburg baute. Dass Schelling Nazi war, wusste man. Na und?
Dass Sebastian Krohn ein Mann ohne Gesinnung war:
Na und?
*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
