REIMANN
scheisszeitenwende 75
Vier Jahre ist das her. Damals war Max noch Bürgermeister, er hatte es schwer wegen Corona, aber er ist abends heimgekommen und seine Frau war da.
Alles war da.
Dann war da nix mehr.
2025
Max schreibt die Mitschnitte der Gespräche über den „Todesfall See“ für sein Stück „Baden gehen“ ab.
HERR REIMANN Das war – warte mal, das war vielleicht eine Stunde, bevor das mit der Alten passiert ist. Ich habe mich ziemlich aufgeregt. Aber ich wollte es nicht zeigen, sonst hätte es schon wieder Ärger mit Frau Reimann gegeben.
Also: Wir sind da am See und kommen mit anderen Leuten ins Gespräch. Da waren diese Künstler, Marianne und Alexej. Sie ist eine ganz patente Frau, er hat eine Meise. Spielt sich auf, als sei er der größte Star. Aber ich glaube, der ist überhaupt nichts Besonderes.
Und da waren die zwei jungen Kerle. Mike heißt einer, der ist ein Vernünftiger. Sein Kumpel hat mit mir streiten wollen. Der will mit allen streiten. Hat sich die Haare ratzekahl weg rasiert, nennt sich Glatze, sein richtiger Name ist Icke – und er kennt den Icke Häßler nicht.
Ach, was sag‘ ich? Keiner von denen kennt den Icke Häßler, nicht mal die Frau Reimann. Dieser neunmalkluge Künstler wollte uns weismachen, dass Thomas Häßler, genannt Icke, ein Stürmer war. Und der zornige Typ, dieser „Glatze“, hat gesagt, dass er den Icke doch kennt – von einer dieser Müll-Sendungen bei RTL oder Pro 7 oder so.
Da habe ich mir ganz schön auf die Zunge beißen müssen. Keine Ahnung haben sie. Thomas Häßler ist für die ein Zombie. Nach dem kräht kein Hahn mehr. Das ist ungerecht, schlimm ist das, ein Armutszeugnis für uns alle.
Gerade habe ich gelesen, dass der Häßler einen „Gedächtnisverlust“ hat. So hat es die „Bild“ geschrieben. Beim BFC Preussen Berlin hat er der Mannschaft etwas sagen wollen, aber dann konnte er nicht mehr reden und sich nicht mehr ausdrücken. Jetzt arbeitet er erstmal nicht mehr, bis er weiß, was los ist. So hat er das gesagt. „Ich bin momentan nicht in der Lage, eine Mannschaft zu trainieren, solange ich nicht weiß, was ich habe.“
Ich kann mir vorstellen, wie er das erklärt hat. Als ob es nicht wichtig wäre. Als ob er erzählt, dass er zu Mittag Bohnen mit Speck gehabt hat. Icke ist Berliner – die machen nicht viel her, wenn es ihnen dreckig geht.
Mich hat es geschüttelt, als ich gelesen habe, wie es dem Thomas Häßler geht. Lebendig tot ist er. Wie der René Weller: den „schönen René“ haben sie ich genannt. Im Ring hat er alles weg gehauen, danach ist er mit zwei tollen Frauen in den Armen auf die Piste. Der hat nichts anbrennen lassen. Jetzt ist er dement, nicht mal alleine scheißen kann er – und wenn keiner hilft, landet er im Armenhaus.
Wie der Walter Jens. Für den gab es keinen Gott, nicht mal seine Frau erkannte er noch. Er hat gesagt: „Mir ist die Sprache gestorben.“ Ronald Reagan hat seinen letzten öffentlichen Auftritt bühnenreif gemacht und einen Brief an die Welt geschrieben: „Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt.“ Richard Taylor ist mal Psychologieprofessor gewesen, dann haben sie bei ihm die Krankheit festgestellt. Er hat es so beschrieben: Es ist ein Gefühl, als säße ich im Wohnzimmer meiner Großmutter. Ich betrachte die Straße draußen durch ihre Spitzenvorhänge. Die Vorhänge haben Muster mit dicken Knoten, die mir die Sicht versperren. Manchmal bewegen sich die Vorhänge im Luftzug, und ich sehe etwas wieder, und dann schwingt die Gardine zurück, und ich bin wieder abgetrennt von meinen Erinnerungen”.
Ich kann nix dafür, so etwas beschäftigt mich. Ich lese das in der Zeitung und lange mir an den Kopf. Habe ich es vielleicht selbst. Abends, wenn Frau Reimann vor dem Fernseher hockt, schaue ich im Internet nach, wie das ist mit der Krankheit. Da sehe ich das Foto einer fürchterlich alten und scheußlichen Patientin. Das ist Auguste Deter. Ihr Mann hat sie in die „Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt gebracht. Dort hat der Professor Alzheimer mit ihr geredet und das Gespräch aufgeschrieben.
„Wie heißen Sie?“
„Auguste.“
„Familienname?“
„Auguste.“
„Wie heißt ihr Mann?“
Auguste Deter zögert, denkt angestrengt nach, schließlich lächelt sie das muss wie eine Grimasse gewesen sein.
„Ich glaube – Auguste.“
Danach notierte der Arzt – 1901 war das: „Mein Fall Auguste D. bot schon klinisch ein so abweichendes Bild, dass er sich unter keine der bekannten Krankheiten einreihen ließ. Es ist die Krankheit des Vergessens.“
Wenn sie merkt, dass ich mich mit solchen Dingen beschäftige, wird Frau Reimann zornig. Wir können uns diese Spinnereien nicht erlauben, sagt sie. Wir haben genug zu tun, dass wir nicht selbst auf der Strecke bleiben. Alzheimer! Wenn sie das nur hört! Keiner von uns ist verblödet, die Kinder nicht, sie nicht – und wenn sie sich nicht ganz in mir getäuscht hat, war ich auch mal ein vernünftiger Mensch. Dann wird sie laut und brüllt, sie braucht jetzt einen Mann, der anpackt und sich der Wirklichkeit stellt.
Was soll ich da sagen?
Ich habe mit dieser Wirklichkeit nichts am Hut. Die geht mir am Arsch vorbei, diese Wirklichkeit. Es ist scheiße, dass meine Frau genauso in diese Wirklichkeit gehört wie meine Kinder. Ich will das alles nicht mehr haben. Den Job. Die Wohnung. Die Freunde mit ihren Jobs und Wohnungen und Familien. Brauch ich nicht mehr, soll mir alles gestohlen bleiben.
So eine satte Demenz hat durchaus was. Du checkst das alles nicht mehr: Du guckst durch die Oma-Gardine, und wenn Du nicht mehr magst, guckst Du nicht mehr durch. So einfach geht das.
Oder wenn Dir das zu mühsam und zu langsam ist, machst Du es wie der Gunter Sachs. Vögelst, frisst, säufst, lässt nicht mal die Bardot aus – dann präsentiert der Doc Dir die Demenz-Rechnung.
Und Du sagst: Jetzt könnt Ihr mich alle gepflegt am Arsch lecken.
Knarre annen Kopp. Abdrücken. Gut is.
Ohne mich, der Rest.
