MEHR LICHT
scheisszeitenwende 53
Baden gehen
Alexej erzählt weiter. Er ist ein großer Mime – und nun in seinem Element. Es geht schließlich um seine wunderbare Existenz.
ALEXEJ Als der Schauspieler Alexej Gentile an einem Montag im März 2012 unters Messer kommt, hat er ganz schlechte Karten.
Grangän kommt aus dem Griechischen. Γάγγραινα (gángrain) bedeutet „das Wegfressende“. Rasend schnell sterben Zellen und Gewebe ab, der Körper frisst sich selbst auf.
Alles Kranke muss raus geschnitten werden, möglichst schnell.
Raus! Oder, salopp gesagt: aus die Maus!
Bei Alexej Gentile arbeiten die Chirurgen präzise und im Wettlauf gegen die Uhr.
Das Kranke, was sie aus dem Patienten entfernen, ist groß wie eine Faust. Mit einem Loch im Unterleib wird Gentile auf die Intensivstation gebracht und erst einmal ins künstliche Koma versetzt.
Drei Tage später sitzen die Tochter und die Frau an Alexejs Bett.
Seine Augen beginnen zu flattern, er schaut sich um. Gentile fühlt die Hand seiner Tochter auf seinem Arm.
Die Tochter hat eine ganz schwache hilflose Stimme.
„Wach‘ auf, Papa!“, sagt sie.
„Wach‘ auf!“
„Was ist?“, fragt er. „Wo bin i?“
„Operiert haben sie Dich. Wir haben solche Angst gehabt.“
„Angst? Warum?“
Die Frau am Fußende des Bettes erzählt, dass man ihn in einer Notoperation am Leben gehalten habe. Er sei ganz fürchterlich krank gewesen.
„Furchtbar krank? So ein Schmarrn, des müsst‘ ich wissen.“
Nein, es ist so gewesen. Aber jetzt ist er übern Berg, jetzt ist man erst einmal heilfroh, dass er es überstanden hat.
„Ach, Alexej!“
„Papa, das war schlimm.“ Grad, dass die Tochter nicht weint. Der Vater streichelt ihre Hand. Sie schnieft.
„Brauchst was, Papa?“
Ja, sagt die Frau, ob er etwas brauche.
Alexej Gentile horcht in sich hinein. Ja, er braucht was.
„Ein Bier hätt‘ ich jetzt gern.“
Die Frauen geben ihm ein Wasser und sind glücklich. Wenn er sein Bier will, dann wird er auch wieder.
Ja, was war jetzt das?
Das kann ja keiner kommen sehen.
Du gehst ins Krankenhaus, weil die Frau eine Ahnung hat. Abends willst wieder daheim sein, und dann ist alles wie gewohnt.
Was ist da passiert?
Sie legen Dich hin, Du bekommst eine satte Narkose.
Und wennst aufwachst, sind drei Tage rum, ohne dass Du etwas gemerkt hast. Du willst ein Bier, weil Du einen Durst hast, aber sie dürfen Dir kein Bier geben.
Außerdem erzählen sie Dir, dass Du fast gestorben wärst.
So ein Schmarrn.
Oder?
Koma. Künstliches Koma.
Saublöd gelaufen ist das.
Wobei:
An eines kann ich mich erinnern:
Da habe ich etwas erlebt, als ich in dem komischen Koma war.
Also:
Ich bin an einem Ort, an dem ich noch nie war. Wenn ich mich umschaue, dann wird mir fast schwindlig. Ich lehne mich an eine Wolke und schaue auf das Bayernland unter mit – ja, es müsste wohl Bayern sein, weil die Kirchen haben Zwiebeltürme, und es gibt Seen und Berge und Wiesen und Rindviecher.
Aber vielleicht bilde ich mir das auch bloß ein. Ich lehne so an meiner Wolke, rund um mich herum lauter andere schneeweiße Wolken, so barock-rund, sehr gemütlich. Sie haben keine Eile, die Wolken, hier heroben ist es geruhsam und still. Wird wohl ein Feiertag sein.
Plötzlich ist einer neben mir. Ich sehe ihn nicht besonders gut. Kann sein, dass er einen weißen langen Bart hat, ist aber nicht wichtig. Kann sein, dass er ein Walle-Gewand trägt wie die Oberammergauer bei den Passionsspielen, aber das juckt niemanden. Kann sogar sein, dass er einen langen Hacklstock bei sich führt, naja, und?
Seine Stimme ist tief. Er versucht, Hochdeutsch zu sprechen, aber das Bayerische kommt immer wieder durch.
„Alexej“, sagt er.
Streng klingt er. „Alexej!“ Dem Mann widerspreche ich besser nicht.
„Jetzt schaust Dich amal um, Alexej.“
Umschauen?
„Hinter Dir ist die Pforte. Du bist so weit. Du gehst da jetzt durch.“
Warum?
„Wie gesagt, lieber Alexej, für jeden kommt der Augenblick. Deine Zeit ist jetzt.“
Noja, denke ich, dann machen wir das halt. Ich verlasse meine Wolke und marschiere auf die „Pforte“ zu.
Von wegen „Pforte“. Das ist, ehrlich gesagt, ein schwarzes Loch, ein Tunnel ohne Beleuchtung.
Ich trete ins Dunkel. Zwei, drei Schritte – und es ist stockschwarz um mich herum. So eine Nacht habe ich noch nie erlebt. Ich taste die Wand ab, da muss doch irgendwo ein Lichtschalter sein.
Nix finde ich.
Ich drehe mich um, und das Licht ist schon ganz weit weg.
Das gefällt mir gar nicht. Ich kehre um und taste mich zurück zu den Wolken und der Sonne.
„Was soll das denn?“, fragt der Mann, der immer noch da ist.
„Kein Licht da drinnen. Da kennt sich kein Schwein aus.“
„Dann nimm‘ die andere Pforte.“
Es gibt eine, wirklich. So marschiere ich ein zweites Mal ins Finstere. Finde wieder keinen Schalter. Da ist es mir zu blöd.
Ich gehe wieder raus und erkläre dem Mann, dass er mich, bei allem Respekt, gepflegt am Arsch lecken kann. Er soll erst einmal eine Beleuchtung installieren lassen, dann gehe ich durch seine Pforte. Bis dahin:
Nicht mit mir.
Mehr weiß ich nicht aus meinem Koma.
Beim besten Willen nicht.
