LEERES BLATT
scheisszeitenwende 118 Auf dem Weg zum Park kauft Krohn in der Belziger ein neues Notizbuch. Moleskine, großes Format, unliniert.
Er packt den Einkauf in seine Aktentasche.
Eine Berluti. Schwarzes mattgetragenes Leder, keine Henkel. War mal sehr teuer.
Krohn lächelt. Wie er jetzt so am Schöneberger Rathaus vorbei in den Park schlendert – mit der Berluti unterm Arm, mit dem jungfräulichen Moleskine in der Berluti, mit seinen großen Ideen im Kopf -, ist er ein lächelnder Posierer vor sich selbst.
Fehlt nur noch, dass er sich glauben würde, was er sich da vormacht.
Warum eigentlich nicht?
Was tut ein Flaneur der Großstadt, der Großes vorhat?
Geht erst einmal ins Café.
Hans Krohn setzt sich vor den „Platzhirsch“, man bringt ihm ein Pils.
Sonne.
Zwei Tische weiter eine Dame, die mit ihm sympathisiert.
Aus dem Kindergarten kommen drei kleine Mädchen und ihre Mutter. Sie queren hinüber auf den Platz vor dem Rathaus. Dort haben auf dem Balkon schon der Kennedy und der Brandt und wersonstnoch gestanden. Ein paarmal ist Krohn da vorbei gelaufen, weil er Teil des Marathons war. Gleich auf der anderen Seite des Platzes hat es mal eine Kneipe gegeben, die „Alptraum“ hieß und ein Alptraum war. Der Wirt hat 150 Kilo gewogen und ist eines Tages von seinem Leben tot gedrückt worden.
Mann, ist das lang her!
Jetzt sitzt Krohn vor dem „Platzhirsch“ – er erinnert sich an die vielen Kilometer im Park; an den stoischen Japaner, dem er immer begegnet ist; an die Aral-Tankstelle, in der er Kaffee für eine allerletzte Runde gekauft hat; an die Schritte, die er durch Juli-Hitze und Dezember-Einsamkeit und Herbst-Hoffnung und Frühlings-Verzweiflung gerannt ist. Und er hat das Gefühl, als dächte er an einen Fremden. Das war mal er gewesen – aber was hat er, der Hans Krohn vor seinem „Platzhirsch“-Pils, mit diesem Hans Krohn von damals zu schaffen?
Er zieht das Notizbuch aus der Tasche, schlägt die erste Seite auf.
Weiß.
Kein Wort.
So schönes Papier.
Es ist wie damals, wenn er in der Schule – ja sicher, das ist mehr als ein halbes Jahrhundert vorbei – ein neues Heft begann. Diesmal, da war er sicher, würde es ein fabelhaftes Heft werden. Sorgsam fügte er Buchstaben und Zahlen hintereinander, sie zauberten sich aufs Papier und wanden sich, wimmelten, wirkten auf dem leeren Blatt. Es wurde eine wundervolle Seite, auch die nächste erstand aufs Schönste…
Aber auf der dritten oder vierten oder spätestens dannwann kleckste Hans Krohn – und das Werk war zunichte. Er verlor die Lust am Heft, schluderte sich damit durch die Schultage und versuchte, das Heft baldmöglichst zu verlieren.
Dann begann er das nächste.
Er hat nie, soweit er sich entsinnt, ein schönes Heft zustande gebracht. Und hat auch keines aufgehoben. Manchmal traf er jemanden, der seine Schulzeit in Heften konserviert hatte – dann war Krohn neidisch und merkte es gar nicht.
Jetzt schlägt er sein neues Moleskine auf und wagt sich nicht ans erste Wort.
Lieber bestellt er noch ein Bier.
