JUNGES GLÜCK
scheisszeitenwende 59
Baden gehen
Mike muss sich die Geschichte doch irgendwann von der Seele reden. Wenn er es nicht tut, wird er noch irre.
MIKE Es hat nicht lang gedauert, bis die Susie und ich zusammen gezogen sind. Wir sind sehr glücklich gewesen. Das ist vielleicht für viele ein langweiliges Leben, was wir das gehabt haben – aber wir wollten es nicht anders. Morgens haben wir Sport gemacht; es war Sommer, wir sind zum See gejoggt, ganz in der Früh, wenn noch kein Mensch dort war, nackert sind wir eine Runde geschwommen, heim gelaufen, haben uns Zeit für ein Frühstück genommen. Dann ist jeder zur Arbeit, ich habe mich da auf einmal wohl gefühlt und für eine Fortbildung angemeldet. Nach Feierabend habe ich mich beeilt mit dem Heimkommen. Es war, wie gesagt Sommer, oft haben wir auf dem Balkon gegrillt. Manchmal sind wir unter der Woche ins Kino, am Wochenende haben wir immer etwas unternommen. Eine kleine Städtetour, eine Wanderung, mit dem Rad sind wir unterwegs gewesen.
Und immer ist geredet worden. Über alles. Wir haben keine Geheimnisse gehabt. Susie und ich konnten weinen und lachen und Pläne machen. Wahnsinn, was wir für Pläne gemacht haben!
Der nächste Urlaub. Ein größeres Auto. Ein gemeinsamer Malkurs an der Volkshochschule. Unsere kleine Familie, die wir gründen würden, zwei Kinder, vielleicht drei. Ein Haus, wir würden ganz viel selbst machen. Am Samstag habe ich die Zeitung gekauft, und wir haben beim Frühstück den Immobilienteil gelesen und geträumt.
Das Kindermachen war fürs nächste Frühjahr geplant, wir haben keine Eile gehabt, wir waren ja noch jung.
Dann hat die Susie gesagt, ob wir nicht einen Hund hertun würden.
Ich war begeistert. Bei mir daheim hat es keine Hunde gegeben, der Vater mochte die nicht. Dabei hätte ich mir immer einen gewünscht gehabt.
Ich habe gesagt, „Susie, das ist toll, das mit dem Hund“.
Wir haben die „Bella“ im Tierheim gesehen. Das war so eine Helle mit dunklen Augen. Sie war da schon fünf, ist mit dem Kopf gerade mal bis zum Knie gegangen. Wir sind an den Zwinger gekommen, in dem sie stand – und das war’s für uns. Sie hat uns angeschaut, das Liebe auf den ersten Blick.
Ein Wahnsinns-Hund. Jeder hat „Bella“ gemocht. Nie hat sie Schwierigkeiten gemacht. Die war wie aus dem Lehrbuch. Manchmal haben wir zusammen eine Sendung im Fernsehen geschaut, das erklärt der Rütter – das ist so ein Hundeversteher -, wie man es richtig macht und was alles schief gehen kann mit einem Hund.
Dann habe ich zur „Bella“ gesagt (die hat beim Rütter immer mit geschaut, weil da Hunde aus dem Fernseher raus bellen), dass sie eigentlich eine eigene Show haben müsste. Weil sie der perfekte Hund ist.
Und sie hat gewedelt.
Sie war unser ein und alles.
Dass im Winter dann Corona gekommen ist, hat uns insofern gar nicht besonders gestört. Eigentlich fanden wir es gar nicht schlecht. Wir haben im Home Office gearbeitet und noch mehr Zeit für uns. Mit „Bella“ waren wir ganz viel draußen unterwegs.
Wir waren glücklich, alle drei.
Und dann hat uns diese Drechsler alles kaputt gemacht.
Angefangen hat es damit, dass der Hund nicht mehr gefressen hat. Wir brauchten einen Tierarzt, und in der Siedlung hat die verfickte Drechsler ihre Praxis gehabt. Wir also mit der „Bella“ dorthin, alles mit Maske und so.
Wir hätten aufpassen sollen, wir hätten mehr nachdenken müssen.
Aber wer kann schon ahnen, dass einem so etwas mit einem jungen Hund passieren kann? Wer kann schon ahnen, dass es solche wie die Drechsler gibt?
Mike lässt das Handy sinken. Das Bild ist schwarz.
