JANINE
scheisszeitenwende 131
„Hans? Bist Du das?“
Er kennt die Stimme. Hans Krohn – der gerade zu traben beginnen wollte – stoppt und dreht sich um.
Sie trägt die hellen Haare hochgesteckt. Adidas-Schuhe. Dunkelblaue Leggins, eine graue Windjacke mit Hoodie. Frischer Teint, dezenter Lippenstift, schlanke Beine, gerader Rücken, eine Andeutung von vollen Brüsten unter der Jacke. Hans ist erstaunt – das letzte Mal hat er sie wohl vor 15 Jahren gesehen, vielleicht ist es länger her. Was für eine junge Frau sie noch ist! Schöner als damals.
„Janine! Gell, Janine?“
„Freilich. Gut schaust aus.“
„Ähh. Du erst. Du erst. Ich weiß gar nicht…“
„Das ist ja eine Freude. Musst trainieren? Hast Termine? Oder hast Zeit zum Reden?“
„Klar habe ich Zeit.“
Sie gehen im flotten Schritt nebeneinander. Sie ist in Form. War sie ja immer.
Nein, sowas! Die Janine!
Sie denkt ähnlich.
„Beim letzten Mal haben wir uns auch hier getroffen. Das war drüben in einer von den Villen.“
Er erinnert sich genau. Eine Frau vom Film war gestorben. Zum Leichenschmaus waren viele Menschen in der der Villa zusammen gekommen. Es war eine schöne Feier. Jeder hatte eine Geschichte über die Tote.
In einer Ecke stand damals der bekannte Schauspieler Götz G. und sagte nichts.
Der hat gerade seine große Liebe beerdigt, erzählte man sich.
Irgendwann sah man den G. weinen.
Hans hatte mit der Verstorbenen nicht viel zu tun gehabt. Ein paarmal hatte er für ihr Management Kampagnen ausgearbeitet. Ab und zu war man sich beim Filmfest über den Weg gelaufen.
Krohn stand beim Leichenschmaus und dachte darüber nach, wie er am unauffälligsten zur Garderobe kommen könnte.
Janine sprach ihn an, weil man das eben so tut.
„Ich kenne Sie gar nicht…“
Er erzählte vom Filmfest und vom Management der Film-Frau.
Sie wechselten das Thema.
Verließen nach einer Stunde gemeinsam die Feier. Aßen zu Abend. Waren ein paar Monate zusammen. Sie passten gut zueinander.
Janine verreiste oft zu Fototerminen – sie kam weit herum. Er hatte mit der Agentur große Dinge vor. Wenn sie Zeit hatten, trafen sie sich zum Sport, gingen ins Theater oder schauten sich eine Ausstellung an. An den Wochenenden blieben sie lange für sich, redeten, lasen, ließen sich in Ruhe. Das Lieben machte Spaß und war unkompliziert.
„Wir haben es schön gehabt, oder?“
Ja, sagt Hans Krohn.
Sie haben das Südende des Sees erreicht und sind stehen geblieben. Die frühe Sonne flirrt durch die Bäume und sprenkelt das Wasser.
„Und dann? Kannst Du es mir sagen?“
Ob sie wolle, dass er das tue?
„Ja.“
Es sei nicht so einfach.
„Das denke ich mir. Fang‘ doch einfach an.“
Wo er beginnen solle?
„Na, mit unserem letzten Tag. Kannst Du mir das alles erklären? Ich habe es nämlich nie begriffen. Und das war ziemlich scheisse.“
