HEXE III
scheisszeitenwende 68
Baden gehen
Gerade noch hat Mike seinen Bannfluch ausgestoßen: Die Dressler sei eine Hex‘. Jetzt sehen sechs Menschen gebannt zu einer Stelle im See hin. Wie auf ein Kommando heben sie die Bierdosen, prosten einander zu, sie trinken einen Schluck.
MARIANNE Die schwimmt fei ganz schön weit naus.
ALEXEJ Geh‘, lass uns von was anderem reden. Wenn ich an die Dressler denke, vergeht mir die Freud‘.
GLATZE Warum, habt Ihr auch was mit der gehabt?
MARIANNE Das kannst laut sagen. Vor zwei Jahren war das. Da hat noch niemand etwas von Corona gewusst. Wir sind gerade hergezogen gewesen.
MIKE Hierher, nach O.?
ALEXEJ Ja, wir haben eine Wohnung in der Stadt. Aber ich wollte es ruhiger haben. Nicht immer den Wirbel. Ich wollte mich auf meine Rollen konzentrieren und nicht gleich erkannt werden, wenn ich auf die Straß‘ gehe.
MARIANNE Jetzt übertreibt er ein bissl, der Alexej – aber richtig ist, dass es uns zu laut in der Stadt geworden ist. Wir haben uns was in der Neubausiedlung gekauft und gedacht, jetzt fängt eine wunderbare Zeit an.
MIKE Aber?
MARIANNE Die Dressler wohnt ein paar Straßen weiter. Sie hat mitbekommen, dass wir jetzt auch in O. leben. Was sie gegen uns hat, wissen wir nicht – geredet hat sie nie mit uns. Aber eines Tages ruft uns ein Freund an und sagt, wir müssen die Polizei einschalten. Die Polizei? fragen wir. Warum die Polizei? Na, wegen der Geschichte im Internet, er schickt uns den Link. Da hat jemand ein Foto von unserer Wohnung, mit Straßennamen und Hausnummer, ins Netz gestellt. Es stand da, der Alexej sei ein überschätzter karrieregeiler Schauspieler, der den jungen Kolleginnen zwischen die Beine fasst. Ich habe den Alexej angeschaut, der war genauso fasslungslos wie ich.
ALEXEJ Wenn ich was mit einer Frau anfangen willen, brauch‘ ich die nicht missbrauchen. Die kriege ich auch so rum.
MARIANNE Sei doch amal staad! Es geht ja nicht nur um Dich. Wisst Ihr, der Alexej macht viel Scheiß – aber sowas nicht. Wir sind zur Polizei, die haben das an eine Spezialabteilung weitergeleitet. Die kennt sich aus mit Internet-Sachen. Nach einer Woche haben sie gesagt, sie haben die Quelle ermittelt.
MIKE Die Dressler!
MARIANNE Ja, genau. Wir haben uns erst gewundert – was hat denn die alte Frau im Internet verloren? Dann haben wir sie angezeigt. Irgendwie ist der Scheiß auch aus dem Netz verschwunden. Aber wir konnten uns in den ersten Wochen fast nicht aus dem Haus trauen. Es war so schlimm, dass wir ein Flugblatt geschrieben haben, in dem wir alles so geschildert haben, wie es passiert ist. Falsche, unbegründete Anschuldigung durch eine Nachbarin. Aufklärung durch die Polizei. Wir bitten, zur Kenntnis zu nehmen, dass alles im Internet erlogen sei.
ALEXEJ Den Text habe ich mit einem Gooebbels-Zitat abgeschlossen: „Wenn man eine große Lüge erzählt und sie oft genug wiederholt, dann werden die Leute sie am Ende glauben. Man kann die Lüge so lange behaupten, wie es gelingt, die Menschen von den Konsequenzen der Lüge abzuschirmen. Die Wahrheit ist der Todfeind der Lüge.“
MARIANNE Ja, das hat auch auf dem Blatt gestanden. Wir haben es in der Nachbarschaft verteilt, an Laternenmasten aufgepappt, in den Supermärkten anpinnen dürfen – die Zeitung hat drüber geschrieben. Dann hat es langsam aufgehört mit den Tuscheleien.
MIKE Und die Dressler?
MARIANNE Wahrscheinlich ist da gar nix passiert. Wir haben nichts mehr gehört. Manchmal haben wir sie gesehen – sie hat uns schon erkannt, aber sie hat so getan, als würde sie uns nicht bemerken. Nichts ist passiert, gar nichts. Naja, dann hatten wir plötzlich Corona – und da war es eh kein Thema mehr.
ALEXEJ Wo ist sie überhaupt, die Dame?
Alle blicken wieder aufs Wasser.
