HEXE II
scheisszeitenwende 67
Baden gehen
Kinderlachen. Das Verkehrsrauschen von der Bundesstraße. Amsel-Gezeter. Die kleine Welt am See ist voll friedlicher Geräusche.
ALEXEJ sieht hinüber zur Wasserfläche vor der Eisbude Jetzt kühlt sie sich ab. Soll sie doch einen Schlag kriegen.
MARIANNE Die nicht! Die passt auf sich auf! Hundert wird die!
MIKE Eine Hex‘ ist sie. Ich habe aber noch nie gehört, dass die Hexen baden gehen.
ALEXEJ Da sagst was Schlaues. Weisst, wie das früher mit den Hexen und dem Schwimmen war?
MIKE Ich weiß nicht, was Du meinst.
MARIANNE Ach, hör nicht auf ihn. Gleich kommt er wieder mit so einem neunmalklugen Schmarrn daher.
ALEXEJ googelt mit dem Handy Von wegen neunmalklug! Hier: Schon die Assyrer haben sich Gedanken über Hexen und das Wasser gemacht. Da steht auf einer Tonscherbe: „Du fertigst ein Bild der Hexe an. Mit Talg umkleidest du sie, legst sie in eine Bauchscherbe. Du verbrennst sie. Dann wirfst du die Bauchscherbe mit den verbrannten Überresten in den Fluss.“ Ertränken, die Luder!
ALEXEJ googelt aufs Neue. Oder hört’s Euch das an. Es geht um Agnes Bernauer. „Am 12. Oktober 1455 schleppte man sie an die Donau. Eine ungeheure Volksmenge hatte sich daselbst versammelt. Agnes’ Schönheit war berückender als je. Sie flehte den Himmel und die Menschen an, sie beteuerte ihre Unschuld, sie umfasste die Knie der Henker – vergebens, man stieß sie von der Brücke hinab. Aber der Strom trug sie; sie kam ans Ufer zurück, reckte die weißen Arme empor und schrie laut um Hilfe. Da brach der Bann des Schreckens, der bisher auf der Volksmenge gelegen; man eilte herzu – ein Henkersknecht aber kam zuvor, wickelte ihre langen Locken um eine Stange und tauchte sie unter, bis sie tot war.“
MIKE Der Dressler kann sowas nicht passieren. Die schwimmt wie ein Fisch. Und eine Hex‘ ist sie doch!
