HERRGOTT
„2017”*, Folge 92, 18. Dezember. “Durchs Land”/XXXIII
Wittenberg. Noch verkauft sich Luther – sein Jubiläumsjahr haben wir ja, ohne groß Rülpsen und Furzen, ganz ordentlich verdaut . In Wittenberg schlagen sie noch einmal Penunzen aus dem Kirchenmann.
Es gibt:
Luther-Baumschmuck à 20.90 Euro.
Mini-Adventskalender, 3.95.
Weihnachts-Postkarte, 1,00.
Flip-Flops, 15.17.
Badeente, 6.95.
Playmobil-Luther, 2.95.
Räuchermännchen „Luther mit Apfelbaum“ à 46.50.
Just in dieser noch-frommen Zeit erreicht uns düstere Kunde:
Beim Amtsgericht zu Wittenberg ist Klage gegen die Stadtkirchengemeinde eingereicht worden. Der Kläger: Michael Dietrich Düllmann, ein Mitglied der Synagoge Sukkat Schalom der Jüdischen Gemeinde Berlin.
Er schreibt, dass das in rund vier Meter Höhe angebrachte Sandsteinrelief am Südostflügel von Luthers Kirche „den objektiven und subjektiven Tatbestand der Beleidigung“ erfülle. Das Teil, im Volksmund die „Judensau“, soll weg. Es sei eine in Stein gehauene Beleidigung.
Angehörige der jüdischen Konfession würden „erniedrigt, diffamiert und als unerwünscht gebrandmarkt und ausgegrenzt“. Der Stadtkirchengemeinde wird vorgeworfen, dass sie durch ihr Festhalten an der „Judensau“ die „beleidigende Wirkung dieser Schmähskulptur zumindest billigend in Kauf nimmt“.
Die Entscheider der Kirche winden sich ein wenig: „Geschichte soll nicht versteckt werden und Geschichtsvermittlung gelingt am eindrücklichsten am authentischen Ort. Das ist ein immer auch schmerzlicher und paradoxer Prozess, weil etwas Negatives etwas Positives bewirken soll: Ein antijudaistisch motiviertes Sandsteinrelief warnt vor den Gefahren und Folgen einer abwertenden und ausgrenzenden Haltung in Kirche und Gesellschaft.“
Also: Nichts entschieden in der Causa „Judensau“.
Macht nichts. Kommt in die Schublade „Wiedervolage“. Da haben wir zum Beispiel „Stuttgart 21“, den Flughafen Schönefeld zu Berlin, die Baustellen am Berliner Ring oder Regierungsbildung…
Das Land hat Geduld, echt.
xxx
Die Mutter hatte mit Gott nichts zu schaffen. Sie kam zur Welt, war ein Kind der Natur, lebte, Tag für Tag, mal lachend, mal kämpferisch. Sie machte sich keine Gedanken über das Leben nach dem Tod. Fast 80 Jahre hat sie zäh und gut gelebt. Sie betete nicht, sie ging nicht in die Kirche, sie regte sich nicht über den Papst auf.
Mit 80 brach der Krebs aus. Er war überall und tötete die Frau. Sie hat sich gegen die Qualen gewehrt. Das Fromm-Sein fing sie in diesem Jahr nicht mehr an.
Die Mutter war eine kleine querköpfige Frau, der die Liebe Gott nichts anhaben konnte.
Der Vater hatte da schon mehr zu schaffen mit sich selbst. Er wäre ja gerne der Kühle, der Überlegene gewesen. Sebastian Krohn brüstete sich gern mit seinem Unglauben. Er gab sich als couragierter Nachdenker aus. Er spielte den Epikureer und den smarten Lebens-Könner.
Aber diese Jahreszeit, die Tage vor und nach Heiligabend, schubste den erfolgreichen Sebastian Krohn aus der Spur.
Hans erinnert sich an den Abend, als er verschwand. Zur Bescherung gab es keinen Vater. Hans bekam die Ritterburg, die er sich gewünscht hatte, die Mutter spielte ein bisschen mit ihm, dann zog sie sich mit einem Buch zurück.
Spät in der Nacht kam dann der Vater. Sehr betrunken, der Sportwagen vor dem Haus hatte eine Delle.
Vater war zwei Tage im Bett.
Später erfuhr Krohn, dass an diesem Abend der Vater in der Nähe der Wieskirche einen Unfall verursacht hatte, nachdem er die Mitternachtsmesse besucht hatte. Ein paar Monate, bevor er starb, erzählte auch der alte Mann von dieser Nacht.
Er war zur Wallfahrtskirche gefahren, weil die Wirtschaften schlossen. Was also sollte er Anderes tun, als in der letzten Reihe eines Gotteshauses zu flennen?
*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
