GRANGÄN
scheisszeitenwende 52
Baden gehen
Alexej erzählt weiter: Wie er fast mal hopps gegangen wär‘.
Die Schwellung in der Leistengegend sieht nicht gut aus. Da ist unter der Haut über Nacht etwas Taubenei-Großes gewachsen. Das gehört definitiv nicht dahin.
„Du musst zum Arzt“, sagt die Frau.
Schmarrn, entgegne ich und tue so, als sei nix.
„Ich hab‘ keine Schmerzen, Fieber auch nicht. Wegen sowas geht man doch nicht zum Doktor.“
„Du musst zum Arzt.“
Ich rufe meinen Heilpraktiker an. Der lässt sich das Phänomen beschreiben und meint:
„Damit musst Du zum Arzt.“
Und das Alien in meinem Unterleib wächst.
„Jetzt langt es“, sagt Marianne, die sich nun wirklich Sorgen macht. „Du wirst jetzt…“
Ich habe keine Argumente. Ist wahrscheinlich das Beste, wenn sich Experten die Sache besehen. Zum Doktor radeln kann ich nicht, das Gehen ist mittlerweile auch schon sehr unangenehm.
Marianne ruft den Notarzt. „Heut‘ geh’n wir nicht spazieren“, sag‘ ich zum „Wasti“. Der bleibt in seinem Körbchen liegen und sieht mir besorgt zu, wie ich aufbreche.
Bühnen-Pause
Alexej Gentile Kraus, in Boxershorts und T-Shirt unter dem Mantel steigt breitbeinig das Treppenhaus hinunter, er folgt dem Notarzt zum Wagen, klettert in die Patientenkabine.
Es ist nicht weit bis ins Rechts der Isar. Über die Brücke, den Berg hoch, schon hält der Wagen am „Eingang Notaufnahme“.
Pause
Ich werde im Rollstuhl zur Untersuchung geschoben.
Jetzt bin ich Patient.
Das ist scheiße.
Das Geglotze auf die Schwellung. Die Fragen über Intimstes. Das Interesse an meinen Beschwerden. Das Gefummel. Die MRT-Untersuchung.
Anfangs beugen sich eine Schwester und ein Arzt über den Patienten Gentile. Mit der Zeit werden es mehr. Sie können sich gar nicht verstellen: Sie sind überfordert. „Wir finden nichts; Herr Gentile, meinen sie, aber es schaut auch nicht gut aus. Wir müssen nochmal überlegen.“
Sie stecken die Köpfe zusammen und halten Kriegsrat. Dann kommen sie wieder, sie würden mir jetzt ein Kontrastmittel spritzen, vielleicht bringe das Klarheit.
Und dann geht es schnell.
Das Kontrastmittel fließt durch meinen Unterleib, die Herrschaften doctores schauen auf einen Schirm – auf einmal kommt Bewegung in die Gesellschaft. Ärzte und Schwestern haben es auf einen Schlag ganz eilig.
Nadeln werden in meine Arme gestochen, Anschlüsse in den Körper gelegt, jemand drückt den Inhalt einer Spitze in meine Vene. Eine Krankenbahre wird in den Raum gerollt.
Da wird auch mir, dem Schauspieler Alexej Gentile, klar, dass etwas durchaus nicht in Ordnung ist.
Eine Ärztin – sie hat schon die ganze Zeit einen betroffenen Eindruck gemacht – tritt vor mich hin, sie hat ein Papier auf einem Klemmbrett und möchte eine Information.
„Herr Gentile, Entschuldigung – aber bevor es in den OP geht, bräuchte ich noch die Telefonnummer Ihrer Frau.“
Meine Frau? Hm. Seltsam. Ich diktiere der Frau Doktor die Nummer, und schon werde ich weg geschoben.
Das Benzodiazepin wirkt schnell, mir wird es schwummrig. Ich schaue zur Decke, wo die Lichter wie Leuchten in einem Tunnel über mich weg jagen. Ich kann nicht mehr unterscheiden, was die Ärzte und die Pfleger sagen. Einmal schnappe ich ein fremdes Wort auf, das habe ich noch nie gehört, es klingt nicht gemütlich.
Grangän.
Dann bin ich weg.
