DURCH DIE NACHT
scheisszeitenwende 129
Er wird nicht schlafen können. Er will nicht trinken. Er wird Entzug haben.
Diesmal macht er es anders. Ganz neu.
Hans Krohn steigt in die Laufschuhe, schlüpft in den Anorak, in den Rucksack hat er Wasser und Äpfel und eine Taschenlampe gestopft. Er verlässt das Hotelzimmer mit dem gemachten Bett und fährt nach Spandau.
Der Tag verdämmert. Krohn tappt durch die Nacht im Norden der Stadt. Oranienburg, Birkenwerder, Hohen Neuendorf, Glienicke Nordbahn.
In Birkenwerder ist er so einsam wie noch nie. Schwärze um ihn. Er müht sich durch Natur, umzingelt von Lebenslosigkeit. Einen Schritt setzt er nach dem vorherigen, jeder Schritt ist schwer.
Als er Waidmannslust passiert, wird es hell.
Er ist erschöpft und fußwund.
Steht vor einem versifften Supermarkt, durch den die ersten Kunden strolchen.
Hans träumt versonnen und schon wieder vom Saufen.
Er seufzt und läuft weiter.
Frühstück bei einem Bäcker in Schöneberg.
Hotel.
Hans Krohn duscht und steigt ins Bett. Er liest und schläft, schläft und liest, er schwitzt, duscht, es wird Nacht und Tag – und noch so eine Runde.
Er liest Fallada. Die „Süddeutsche“. Paul Auster.
„Alles für die Wahrheit. Kein Opfer ist zu groß. Niemand hat verstanden, was ich verstanden habe. Ich trage die Last einer großen Verantwortung.“
„Die Welt auf Ihren Schultern.“
„Ja. Die Welt – oder was davon noch übrig ist.“
„Ich wusste gar nicht, dass es schon so schlimm ist.“
„Es ist so schlimm. Vielleicht noch schlimmer.“
„Ach.“
„Die Welt liegt in Trümmern, Sir. Und es ist meine Aufgabe, sie wieder zusammenzusetzen.“
„Da haben Sie sich aber viel vorgenommen.“
Ja, denkt er. Da habe ich mir viel vorgenommen.
