DERB GELOGEN
scheisszeitenwende 121
„Ich bin der Manni“, sagte der Tresen-Nachbar. „Ich hätt‘ da mal eine Frage.“
Der junge Hans Krohn war ein wenig verwirrt, weil er sich mit den Gedanken in die nächste Zeile seines großartigen Gedichts verstrickt hatte.
„Wie bitte?“
„Tschuldige, ich hab‘ Dich gestört, gell. Ich bin der Manni.“
„Achso. Nein, Du störst nicht. Hans. Ich heiße Hans.“
„Ich bin nur neugierig: Bist Du ein Schriftsteller?“
Hans Krohn antwortete nicht sofort. Eigentlich hätte er sagen müssen:
Ich bin ein verbummelter Student, der mit seinen Eltern nichts mehr zu tun haben will. Eine behütete Kindheit habe ich gehabt. Jetzt ist nichts mehr behütet. Ich werde bald nicht mehr an der Uni sein. Mein bester Freund ist der Alkohol – und manchmal habe ich kein gutes Gefühl bei der Sach‘. Meine größten Erfolge bei den Mädchen habe ich, wenn ich denen erzähle, dass ich Künstler bin.
Schriftsteller. Als Maler und Musiker habe ich es auch versucht, aber da fliegt man leicht auf. Ein Schriftsteller hat seinen Block, und keiner kann seine Handschrift lesen Dem kommst nicht auf die Schliche – zum Maler sagen sie „Mal‘ mal was“, für einen Musiker gibt’s im Nachbarzimmer immer ein altes Klavier, er soll doch was spielen. Wennst dann nichts kannst, bist am Arsch. Aber ein Schriftsteller kann sich leicht durchmogeln, auch wenn er nix kann.
Das hätte Hans Krohn antworten müssen. Aber er sagte einen Augenblick lang nichts.
Manni prostete ihm zu. Sie tranken. Stellten die Gläser ab. Manni hakte nach.
„Weil wennst ein Schriftsteller bist, hätte ich eine Frage. Ich bin Lehrer. Deutsch und Geschichte. Und wenn Du ein Schriftsteller bist, würde ich Dich gerne in meinen Unterricht einladen. Ich denk‘ an die zwölfte Klasse. Ein echter Schriftsteller, so ein junger wie Du, erzählt aus seinem Leben. Das täten die geil finden.“
Manni hatte lange Haare, rauchte eine nach der anderen und trug eine lässige Lederjacke. Manni war der Erste, der den Schriftsteller in Hans Krohn wertschätzte.
„Ja, können wir schon machen.“
„Super.“ Manni bestellte etwas Hartes zum Anstoßen. Man wurde sich einig:
Nächste Woche an einem Dienstag in der dritten Stunde, nach der Pause, im Gymnasium. Jemand würde den Hans an der Pforte abholen.
So eine Scheiße!
Hans Krohn zerquälte sich in den Tagen darauf mit dem Nachdenken, wie er den Dienstag überstehen würde.
Am Wochenende schrieb er dem Vermieter seine Kündigung, wanderte nochmal zum Fernsehturm, dann reiste Hans Krohn ab.
München-Paris. Keine Rückfahrt.
Der Zug verließ den Hauptbahnhof an einem Montag um halb neun Uhr abends.
Krohn schob das Fenster nach unten und sah aufs Perron, wo ihm die erste große Lebens-Lüge zum Abschied hinterher winkte.
