DAS WORT
scheisszeitenwende 119
Das erste Wort im neuen Notizbuch platziert Hans Krohn mittig auf der Anfangsseite.
Der Kugelschreiber hilft, die Mitte in der Höhe zu vermessen. Für die Breite reicht Augenmaß. Das erste Wort ist kurz, da lässt sich leicht einschätzen, wohin er es schreibt.
Er nippt am Bier und findet sich großartig.
Ein Mann ohne Bauch und mit sonnengebräuntem Gesicht. Er wird bald alt sein – deswegen nimmt man es bei einem wie ihm nicht mehr so genau.
Und deswegen ist er auch ohne große Mäkel. Lichte Haare, müde graue Augen, Sorgenfalten auf der Stirn, Lachen in den Mundwinkeln. Krohn sitzt aufrecht, blickt in große Fernen – er denkt.
Er selbst findet sich interessant. Denkender Mann. Große Entscheidungen reifen in seinem Kopf, man sieht es ihm an.
Es gibt vieles zu wägen.
Die Frau, zwei Tische weiter, lächelt ihn schon wieder an.
Manche mögen denkende, Pils trinkende, sich wichtig gebende Männer an Kaffeehaustischen.
Wie auch immer – er muss nun das erste Wort zu Papier bringen.
Danach, so hofft er, wird es ihn mit sich fort führen, das Schreiben.
Er hat gewaltige Aufgaben vor sich.
Hans Krohn hebt den rechten Arm ein wenig an, er dirigiert den Stift in die Mitte der ersten Seite.
Skizziert das Wort, in Großbuchstaben, ungefähr 30 Punkt. Setzt die Zeichen sorgsam aufs Papier. Beim ersten Mal ist der Strich zaghaft, forschend. Krohn besieht sich das Ergebnis.
Okay.
Er fährt die Linien nach. Verstärkt das H so, dass es auf soliden Pfeilern steht. Setzt dem I einen Punkt auf. Schwängert das C.
Betrachtet das Werk. Hans Krohn blinzelt in die Sonne.
Fertig.
