BRAUN IST GUT
scheisszeitenwende 48
Baden gehen
Man isst weiterhin Kuchen und trinkt Kaffee. Und man checkt die Badesachen.
ALEXEJ Haben wir alles dabei?
MARIANNE Ich glaube schon. Ich hab‘ seit gestern nichts aus der Tasche genommen. Meinen Badeanzug und zwei Handtücher habe ich getrocknet und wieder in die Tasche gepackt.
ALEXEJ Ich habe die Tasche nicht angerührt. Wenn was fehlt – dann ist das nicht mea culpa.
MARIANNE Ist schon alles drin. Aber wo wir drüber reden, fällt mir ein: Wir müssen wieder eine Sonnenmilch kaufen.
ALEXEJ Was haben wir denn jetzt für einen Schutzfaktor?
MARIANNE 30, glaub‘ ich.
ALEXEJ Meinst nicht, dass das zu wenig ist?
MARIANNE Mehr als 30 geht nicht. Glaub‘ ich.
ALEXEJ Doch. Für die kleinen Kinder kriegt man 50. Das brauchen wir auch. Ich habe in sechs Wochen Dreh. Da will ich nicht hin und meine Nase schält sich, weil ich einen Sonnenbrand vom Baggersee habe.
MARIANNE Vielleicht solltest Du überhaupt mit der Sonne aufpassen. Du spielst einen Typen auf der Geschlossenen. Die sind ja normalerweise ziemlich blass, oder?
ALEXEJ Wie witzig! Blass, blass, blass! So redet eine, die die Kunst nicht versteht. Was wir machen, ist großes Kino. Wir verfremden – dann wird die Wahrheit im Film umso schmerzlicher. Wenn Du eine Geschichte aus der Geschlossenen siehst, erwartest Du Typen wie in „Einer flog übers Kuckucksnest“. So Käsige, mit einem Tick, mit der Verrücktheit im Gesicht, so Gebrochene. Und dann komm‘ ich – wie ein strahlender Held.
Sicher, ich bin auf der Geschlossenen gelandet. Mein Genius ist einfach zu groß für die Welt. Van Gogh, Fallada, Schumann, Nietzsche. Das sind die Vorbilder für meine Rolle. Das muss ganz groß werden – ein Genie auf dem Grat des Wahnsinns. Ich spiele keinen Idioten, ich bin die Verkörperung eines großen Geistes. Warum soll so einer nicht braungebrannt sein und blendend aussehen? Warum sonst hätten die mich gecastet.
Das ist doch großartig. Die brauchen mich am Set, weil ich so gut ausschaue. Da muss ein Playboy vor die Kamera, einer, der die Herzen bricht, einer, der sich nicht klein kriegen lässt. Ich muss aussehen wie die Typen vom Venice Beach.
Ich sage ja nicht, dass ich da stolz drauf bin. Ich könnte auch sagen:
MARIANNE Okay, okay. Wirst schon Recht haben.
ALEXEJ Klar habe ich Recht. Und es wird ein Erfolg, das spüre ich.
MARIANNE Zeit wär’s.
ALEXEJ Was soll das heißen? Kann ich vielleicht was für das geschissene Corona? Ich war auf dem Sprung, das musst Du zugeben.
MARIANNE Du hast die wundervolle Rolle in einer täglichen Serie hingeschmissen. Du bist 50 und hast eine Midlife-Krise bekommen. Von einem Tag auf den anderen sagt der Herr (da haben wir noch nicht geahnt, dass wir bald ein Corona haben werden), dass er die Rolle nicht mehr mag, weil sie ihn künstlerisch anfadet.
Das Gespräch ist jetzt von einer gewissen Feindseligkeit.
ALEXEJ Genau: Da konnte noch niemand ahnen, dass uns dieses geschissene Corona aus den Schuhen hauen würde. Ich habe gespürt, dass eine große Zeit für mich kommt. Und dass ich mit der verfickten Daily Soap mein eigenes Grab grabe. Und wenn ich mich richtig erinnere, hat damals Madame mich bestätigt und gesagt, wenn ich nicht jetzt die Kurve kriege – wann dann? Also habe ich gekündigt.
Und wenn ich mich recht erinnere, war es Madame, die an diesem Abend mit einem Champagner daher gekommen ist und gesagt hat, Schätzelchen, das muss gefeiert werden. Und wie wir es gefeiert haben. Du kannst Dich doch wohl noch erinnern.
