AUSGELUTZT
scheisszeitenwende 45
Baden gehen
Max schreibt weiter an seinem Stück. FRAU REIMANN hat ihre fünf Youtube-Minuten der Berühmtheit.
FRAU REIMANN Gut, dass es die Jessica und den Heiner gibt. Nee, falsch. Gut, dass es die Jessica gibt. Mit dem Heiner ist es das Gleiche wie mit meinem Reimann. Jetzt, wo man ihn braucht, zieht er den Schwanz ein.
Über den Heiner will ich gar nicht reden – mit dem muss die Jessica klar kommen. Manchmal reden wir über unsere Männer, und dann ist sie fast am Weinen. Der Heiner und sie sind ja auch schon lange zusammen, ich glaube, seit 15 Jahren sind sie verheiratet, warte mal, der Älteste von ihnen ist 14, ja, das kommt hin mit den 15 Jahren Ehe. Jetzt haben sie drei Kinder, und alles war bestens, hat man gedacht.
Jetzt muss Jessica weinen, wenn sie von früher erzählt.
Früher!
Das ist gerade mal eineinhalb Jahre her.
Wir haben gedacht, es wird nie anders werden.
Jessica und ich hatten unseren jour fixe in der Stadt. Immer am Donnerstagnachmittag haben wir uns von den Männern zur S-Bahn fahren lassen. Mal waren wir beim Shoppen, mal sind wir nur gebummelt und haben danach zu Abend gegessen. Oder wir sind ins Theater oder Konzert. Wenn wir mit einer späten S-Bahn nach Hause sind, haben wir im Zug noch einen kleinen Absacker gehabt. Und sind mit einem schönen Schwips zu unseren Gatten ins Auto. Die fanden es prima. Man ist nach Hause, am nächsten Tag haben wir unseren Männern etwas vorgejammert, weil der Kopf ein bisschen weh tat. Die Männer haben gelächelt und waren ganz süß.
Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das mal anders sein würde.
Das mit dem jour fixe und mit dem kleinen Schwips. Das mit dem Shoppen und dem Theater. Die Sache mit dem süßen Ehemann.
Ich werde nicht über den Heiner reden. Nur soviel:
Der war ein toller Typ, vor eineinhalb Jahren. Er hat es nicht raushängen lassen, aber in seinem Job ist er ein Ass gewesen. Großzügig war er und nie langweilig. Ich glaube, dass er manchmal eine Affäre gehabt hat, aber das war nichts Ernstes. Kann passieren, wenn einer so erfolgreich ist und so gut aussieht.
Die Jessica und der Heiner haben eine tiptop Ehe gehabt.
Jetzt: Kampf an allen Ecken und Enden. Streit über die kleinste Kleinigkeit. Ich glaube auch, dass es wirtschaftlich nicht mehr so toll läuft. Der Heiner – der so ein „Team Player“ ist, so einer, der das Büro braucht – sitzt seit Monaten im Home Office. Er schließt sich in seinem Büro daheim ein, ist den ganzen Tag nicht ansprechbar – und wenn er zum Abendessen kommt, hat er miese Laune.
Nicht wie früher: Da ist er morgens aus dem Haus, hat seinen Job gemacht. Und wenn er abends die Haustür aufgesperrt hat, war es, als ob jetzt die Party losgehen würde – so gut war er gelaunt, der Heiner.
Nichts mehr übrig vom alten Heiner, sagt Jessica. Manchmal fragt sie sich, ob er nicht eine satte Depression hat.
Aber ich wollte nicht von Heiner reden. Ist nur so, dass ich meine Déjà-Vues habe, wenn Jessica erzählt, wie es in ihrer Ehe bergab geht.
Reden wollte ich über den Reimann. Ist schon seltsam: Ich sage nie mehr „Lutz“, wenn ich über meinen Mann spreche. Bei mir ist er nur noch „der Reimann“. Es hat sich ausgelutzt.
Ich hätte nicht gedacht, dass das mit den Gefühlen so eine blöde Alltags-Scheiße ist.
