ANGESCHWÄRZT
scheisszeitenwende 41
Baden gehen
“Glatze” erinnert sich an Corona
Wahnsinn. Wenn ich nicht so einen Schiss gehabt hätte, dann tät‘ es mich jetzt nicht mehr geben. Ich hätte mich weg gemacht – aber ich bin halt ein Weichei.
Ich habe das alles nicht mehr ausgehalten. Wenn ich mich heute erinnere, graust es mich, wie es war:
Ich brauche Stunden, bis ich aus dem Bett komme. Mach den Fernseher an und ziehe mir das Vormittagsprogramm rein. Vielleicht bin ich der Einzige in Deutschland, der das klar bekommt. Das musst Du Dir erstmal geben. Da tauschen sie abgetakelte Milfs gegeneinander aus, die sollen dann im Haushalt von anderen Milfs übernehmen. Meistens sind die Frauen fett und hässlich und sie heulen die ganze Zeit. Die Männer, bei denen sie landen, sind runter auf Hartz IV, sie saufen oder sitzen den ganzen Tag am Computer. Einmal zeigen sie einen Pickligen mit einer Piepsstimme, der sagt, er ist ein Disc Jockey und Moderator – und der macht auch jeden Tag im Netz eine Sendung. Spricht Deutsch wie ein Türken-Asy, aber er macht auf Moderator. Bei dem landet so eine Frauentausch-Mutti und heult ihm in die Sendung. Oder ich kuck’ eine Kochsendung – dabei interessiert mich Kochen nicht. Oder ich lande bei irgendwelchen Bullen auf Streife. In Berlin. Oder Frankfurt. Oder Köln. Da geht es um häusliche Gewalt. Um Eifersucht. Um Raub und so. Alle schreien rum, und die Bullen sagen, „jetzt beruhigen wir uns erstmal!“ Keiner hat eine Maske auf, nicht mal die Räuber an der Tanke, es ist, als ob es das Corona nicht geben täte. Mittags mache ich mir ein Bier auf und trinke langsam vor mich hin. Ich kucke mich in der Wohnung um und räume ein bisschen auf. Zwischendrin ziehe ich einen Trainingsanzug an. Immer Trainingsanzug, was Anderes brauche ich nicht mehr.
Was für eine Zeit!
Morgens stehe ich auf und denke, war gestern ein beschissener Tag, schlimmer kann es nicht kommen. Dann ändert sich überhaupt nichts – und abends ist mir klar, dass es nicht schlimmer werden konnte, weil es sowieso wirklich kacke ist. Aber besser wird es auch nicht.
Einmal bin ich raus, zum Einkaufen. Ist nicht weit, ich muss durch die Siedlung und den kleinen Park. Dann über die große Straße, die zum Gewerbegebiet führt.
Ist ein kalter Tag, aber die Sonne scheint. Kaum Leute unterwegs, auf der Straße kannste Federball spielen. Die Kälte macht mir nichts aus, ich habe eine Mütze auf und merke, dass ich die Sonne im Gesicht gut finde. Ich lasse mich nicht unterkriegen, denke ich, diesmal werde ich es mir schön machen. Jetzt geht es bergauf, ich scheiße auf Corona.
Ich schiebe mich durch den Supermarkt, lade die Sachen für die nächsten Tage ein. Zum Schluss kaufe ich noch einen Wodka zusätzlich und sechs Bier.
Zahlen. Die Sachen in den Rucksack stopfen, Wodka und Bier obenauf, damit ich sie schnell zu greifen kriege. Über die große Straße, auf der schon wieder kein Auto fährt. Den leeren Biergarten ignoriere ich. Rein in den Park, ich habe die Auswahl zwischen den Parkbänken. Ich setze mich so, dass ich in die Sonne schaue. Gebe mir Wodka satt, spüle mit einem Ex-Bier nach.
Das fühlt sich so an, wie wenn ich mit den Kumpels auf Sauftour gehe. Nur, dass ich solo bin.
Macht nix. Ich trinke weiter, mir geht es gut. Endlich mal wieder.
Wie lang ich so gesessen bin, kann ich gar nicht sagen. Manchmal ist wer an der Bank vorbei gegangen und hat auf die Flaschen und auf mich geschaut. Das hat mich gar nicht interessiert. Wenn schon Weltuntergang, dann richtig. Ich muss pissen. Kein Schwein im Park, kein einziges Kind, überall Büsche und Bäume. Ich stelle mich abseits und mach‘ die Hose auf.
Da höre ich die Stimme von der Alten:
„Schaun’S, jetzt bieselt er auch noch in den Park.“
Und schon stehen zwei Bullen neben mir, eine Blonde und so ein Mc-Fit-Typ. Der fragt, was ich da mache. Nach was es denn ausschaut? Das ist ein öffentliches Ärgernis, was ich da mache, sagt die Blonde. Sowas wird bestraft.
Alles Diskutieren hilft da nicht. Ich soll mich erst einmal ordentlich anziehen, meinen sie. Und dann schreiben sie auf, wie ich heiße, wo ich wohne, den ganzen Dreck. Ich werde von ihnen hören, sagen sie. Und ich soll froh sein, dass es nur eine Geldstrafe gibt.
Ich halte lieber das Maul.
Aber merken tue ich mir das Gesicht der Alten, die hinter den Bullen steht und schreit, einer wie ich gehört eingesperrt, eine Geldstrafe reicht doch da gar nicht, endlich wird mal mit solchen wie mir aufgeräumt, ich bin ihr schon lange aufgefallen, ich und meine arbeitsscheuen Freunde, ein Gesindel sind wir, und solche kann man jetzt schon gleich gar nicht brauchen, jetzt, wo Corona dem Volk schon genug zu schaffen macht.
Sie hört gar nicht mehr auf die Alte. Da dreht sich der Bulle nach ihr um und sagt, „Verehrte Dame, wir machen das schon. Danke für den Hinweis:“
Der Alten habe ich das also zu verdanken. Das Gesicht habe ich mir gemerkt.
