ABGEDREHT
scheisszeitenwende 50
Baden gehen
Der Zank zwischen Marianne, der Regisseurin, und dem Schauspieler Alexej nimmt seinen Lauf. Hoffen wir, dass sie nicht gleich das Kaffeehaus aufmischen.
ALEXEJ (zu den Nachbarn) Sehen Sie Marianne ihre Emotionalität nach. Ich bringe nun die gebotene Objektivität ins Narrativ.
Ich betrete das Haus – respektive die gemietete Doppelhaushälfte -, ich bin müde vom Dreh, ausgelaugt, unterkühlt und freue mich auf warme Worte und einen heißen Tee mit Rum. Aber was passiert. Madame Marianne baut sich vor mir auf, sie stemmt, wie man so schön sagt, die Hände in die Hüften und legt los:
Warum das so lang gedauert habe. Ob ich mir nicht vorstellen könne, dass sie sich Sorgen gemacht hat? Was zum Teufel heute denn so Wichtiges gedreht worden sei? Ich sei doch bestimmt wieder mit den Kollegen beim Saufen gewesen – und jetzt komme ich mit der alten Leier daher.
Immer lauter wird sie.
Alexejs Stimme wechselt in den Diskant einer keifenden Alten.
„Das ist immer das Gleiche. Man wartet auf Monsieur, und Monsieur hat nicht mal den Anstand, anzurufen, wenn es später wird. Als ob wir kein Handy hätten.“ – „Ob hier das Essen auf dem Herd steht oder die Alte eine Krise bekommt, weil sie Angst hat, dem Monsieur könnte bei dem Wetter was passieren – das ist Monsieur egal.“ – „Weißt Du, was ich glaube? Weißte,wasichglaube, weißte,wasichglaube? Du bist überhaupt nicht mit den Kollegen beim Saufen gewesen. Dann würde ich das riechen. Du stinkst aber nach einem Weib. Du hast was mit dieser Yvonne. Gib’s zu, gib es wenigstens zu.“
So kann das ewig weiter gehen. Da hat einer wie ich keine Chance. Wenn Madame so drauf ist, gerät jeder in die Maschine. Da bist Du wie Charly Chaplin in „Modern Times“, Du wirst durch die Mangel gedreht.
Yvonne! Yvonne! Yvonne! „Gib es zu! Gib es zu! Gib es zu!“
Marianne ist eine Süße, sie kann die Beste von allen sein.
Aber manchmal wird zur Megäre. Sie verstehen. Sie wird Alekto, Tisiphone. Eine Furie, eine Erynnie, eine Eumenide, eine ganz üble Norne…
MARIANNE Ist ja gut, Alexej. Du hast eine Bildung, wir haben Schnappatmung. Wir müssen jetzt los. Den Rest erzählst Du ein andermal – oder gleich, wenn wir am See sind.
ALEXEJ (ist ein wenig verwirrt) Am See? Achso, ja. Hast Recht. Geh’n wir.
Zum Nachbartisch hin:
Und nix für ungut.
