RÜCKTRITT
scheisszeitenwende 132
Es ist vor 14 oder 15 Jahren gewesen.
„14 Jahre“ sagt Janine. „Es war im Februar 2012.“
So genau könne sie sich erinnern?
Ja, sicher. Angefangen hat es mit dem Bundespräsidenten, der bei der „Bild“ angerufen hat – und ein paar Tage später musste er zurücktreten.
Er schaut Janine fragend an.
Bundespräsident?
Bild?
Rücktritt?
Was, bitte, hat das damit zu tun, dass Janine und Hans sich getrennt haben?
„Das war das Letzte, worüber wir geredet haben. Danach war nichts mehr.“
„Tut mir leid“, sagt Hans, „ich weiß nicht, was Du da erzählst.“
Es ist so gewesen: Janine kam von einer Reise zurück und freute sich auf einen freien Tag. Sie würden nicht raus in den Matsch und das Februargrau gehen. Vielleicht würden sie was Leckeres kochen und einen unanstrengenden Film anschauen. Vielleicht Liebe machen.
Krohn klingelte am späten Vormittag. Er brachte eine Baguette und Käse vom Franzosen in der Friedrichstraße mit, unterm Arm hatte er die Tageszeitungen. Und er war ganz aufgeregt.
Dieser Wulff, der Präsident, sei der korrupte Karrierist, als den ihn Krohn immer eingeschätzt hatte. Ein Spesenritter und Macht-Narzisst. Jetzt kommen sie ihm auf die Schliche – und was tut er? Er ruft bei den Chefs von der Bild an, und bedroht sie.
Hans hatte sich in Rage geredet und suchte aufgeregt eine Textstelle in der FAZ.
Da! Hans las vor, die Stimme bebte.
„Ich werde auch Strafantrag stellen gegenüber Journalisten morgen, und die Anwälte sind beauftragt.“
Ja und? fragte Janine. Was denn daran so erschütternd sei? Der Wulff verliere die Nerven – geschiehe ihm ganz recht, das alles.
Klar, ereiferte sich Hans Krohn. Er sei es nur so sehr satt, wie sie sich alle an die Posten klammerten, wie alles den Bach runter gehe – und wer müsse es ausbaden?
Der kleine Mann. Der ehrliche Arbeiter. Die Leute, denen es um Wahrheiten und wirkliche Werte gehe…
Janine – zugegeben, sie war von der Reise müde und genervt von dieser Tirade, die ihr den freien Tag vermieste – sagte:
„Lass‘ uns über was Anderes reden.“
„So war das?“, fragt Hans Krohn und muss lächeln. Die S-Bahn nach Potsdam wischt durch die Bäume.
„Ja, so war das. Und komisch war das überhaupt nicht.“
Ein Wort gab das andere. Zuerst stritten sie über Wulf, dann über die Politiker, die Verleger, die Marketing-Menschen. Und schließlich stritten sie über sich.
„Eigentlich“, sagt Janine, „wollte ich Dich an dem Tag fragen, ob wir nicht zusammen ziehen könnten. Aber irgendwann hast Du Deine Zeitungen genommen, bist gegangen und warst weg.“
„Und das Brot und der Käse?“
„Haste mir gelassen. Das war’s dann auch.“
