SCHLACHTEN-SEE
scheisszeitenwende 130
Nach dem großen Ausflug in den Norden der Stadt ist Hans Krohn drei Tage krank. Ab und zu kotzt er, er schwitzt kalt, er ist nicht bei sich.
Das Übliche halt.
Angst. Zittern. Kleiner Tod. Schwärze. Fremde Wesen in der Dunkelheit. Gestank. Brandung im Kopf. Die Sicherheit: Wenn er jetzt trinken würde, hätte er keine Angst mehr. Nur ein Bier – und er wäre wieder Meister. Das Nicht-Trinken zieht ihm die Beine weg. Erschöpft schläft er ein, verzweifelt wacht er auf. Aber er weiß, dass alles seine Richtigkeit hat.
Am dritten Abend ist er ein Wrack. Am Morgen danach wacht er befreit auf.
Der Kopf tut weh – na und?
Hans Krohn nimmt die S-Bahn an den Schlachten-See
Um halb sieben läuft er heiter am Wasser entlang.
Er hat die Schritte des Siegers.
Ist zehn, 15 Jahre her, dass er hier seine Schlachten geschlagen hat. Der Hund, der ihn begleitet hat, hieß „Sputnik“ und ist geduldig an seiner Seite gewesen, wenn Hans gegen das eigene Verrotten ins Feld zog.
Am Ende der Entzüge ist Krohn jedesmal zum See gefahren und hat den Körper gezwungen, gesund zu werden.
Das war nach Wochen der Sauferei, Hoffnungslosigkeit, des Allein-Seins, der Selbstgespräche. Das Bett durchgeschwitzt, die Haut graurot. Stinkender Körper.
Dann der Entzug.
Hans fuhr mit „Sputnik“ in den Grunewald und umrundete den See. Schleppende Schritte. Pausen. Hans hat sich gemüht, im Schritttempo, er hat sein Herz gespürt. Manchmal musste er stehen bleiben, manchmal musste er sich übergeben – aber es hatte seine Richtigkeit.
Jetzt ist er wieder soweit. Aber es geht ihm besser als vor 15 Jahren.
Nach den ersten kranken Kilometern fühlt er sich besser.
Er läuft eine Runde.
Nun könnte er es gut sein lassen.
Aber er hat nicht genug, will sich spüren, er wird den Neuanfang genießen.
Also noch eine Runde.
Er hat den leeren Biergarten passiert und sieht zu einem nackten Mann, der ins April-kalte Wasser watet.
Da hört er hinter sich jemanden rufen.
„Hans? Bist Du das?“
Die Stimme einer Frau.
