EWIGER SCHMERZ?
scheisszeitenwende 128
Zeit fürs Hotel.
Den Kurfürstendamm hinunter, dem eigenen langen Schatten hinterher. Nach der Dahlmannstraße schiebt Krohn die Karten durch den Schlitz eines schmuddligen Briefkastens und fühlt sich einen Moment zärtlich.
Am Adenauerplatz trägt ihn eine Rolltreppe ins Untergeschoss. Er kauft im Kiosk eine Berliner Zeitung und fragt nach Ansichtskarten.
„Ham wa schon lang nich mehr. Wer braucht denn heute noch Ansichtskarten? Nee, dit is keen Jeschäft. Ham Se denn keene Klappmöhre? Jeht doch viel schneller.“
Fehlt nur, dass sich die Verkäuferin an die Stirn tippt.
Zweite Rolltreppe nach unten. Krohn setzt sich auf eine Bank, zwei leere Plätze neben einer alten Dame.
Sie steht schon bald auf und schlurft zur einfahrenden Bahn.
Hans Krohn sieht ihr zu, er hat es nicht eilig.
„U7 nach Rudow, bitte einsteigen!“
Zsch! Die Bahn verschwindet im Tunnel.
Hans Krohn hat müde Beine. Das kommt von der Latscherei durch die Stadt. Er wird ein wenig rasten und den Leuten zusehen.
Sie sind allein. Sie schauen nicht mal mehr durch den Anderen. Sie nehmen nichts wahr. Krohn erinnert sich an einen Film über die Anfänge des Universums. „Wie entstanden die Planeten?“ hieß der Film.
Da ist die Rede von vielen „Kollisionen“ gewesen. Krohn erinnert sich, es ging um das „oligarchische Wachstum“ in einer Staub- und Gasscheibe, der „protoplanetaren Scheibe“, um die neu geborene Sonne. Teilchen stießen mit Teilchen zusammen, wurden zu Staub, zu Staubhäufen, zu „Planetesimalen“. Das sind die ersten Urkörper der Planeten gewesen. Sowas wie Asteroiden. Die kollidierten wieder und wieder – und irgendwann waren sie die Erde oder der Jupiter oder die Venus.
Oder so.
In der U-Bahn-Station Adenauerstraße ziehen die Mensch-Teilchen ihre Bahn. Manchmal stoßen sie beinahe zusammen.
Dann kriegen sie noch ihre Bahn.
Uff! Nochmal gut gegangen.
Krohn wird ganz wirr beim Zusehen.
Er konzentriert sich auf die Buchstaben an den Wänden und Zügen. Auf die Ruf- und die Fragezeichen.
Vielleicht beruhigt ihn das:
Wir suchen Dich! Bewirb Dich jetzt!
Mit Verachtung oder Mitmenschen? Mit-Menschen!
Falling in Love!
Schwörst Du mir ewigen Schmerz?
Woher kommt die Zuversicht?
Was Hans Krohn da liest, beruhigt ihn nicht. Jetzt nimmt er lieber die nächste Bahn. Er darf das. Es steht an der Waggontür.
Mitfahrt nur mit gültigem Fahrausweis!
Rufzeichen – das schreckt ihn nicht. Noch hat Hans Krohn ein Ticket.
