KROHN DER SCHÖPFUNG
scheisszeitenwende 123
Alles wird durchgestrichen.
Hans Krohn, geboren in den 68ern, aufgewachsen in Bayern. Humanist, weil ihm das die Benediktiner beigebracht haben. Trinker, weil er das von den Mannschaftskameraden von der Ersten des heimischen Fußballvereins gelernt hat. Studium abgebrochen. Verhinderter Totengräber und Schauspieler in Paris. Verhinderter Holzarbeiter in Bayern. Werbetexter durch Zufall…
Neuer Versuch.
Hans Krohn kommt am 25. Juli 1966 in München zur Welt. Zur selben Stunde – so erzählt es ihm später die Mutter – gewinnt in Liverpool die westdeutsche Elf das Halbfinale der Weltmeisterschaft in Liverpool mit 2:1 gegen die Sowjetunion. Tore der Deutschen: Haller und Beckenbauer. Drei Tage später werden die Deutschen im Endspiel von einem russischen Linienrichter um den Sieg gegen England beschissen. Hans Krohn ist das alles völlig wurscht, er wiegt vier Kilo, alles an ihm ist dran, er wird eine wunderbare Mutter und einen schweigenden überforderten Vater haben.
Unbeschwerte Kindheit auf dem Land, fröhliche Jugend bei sinnenfreudigen Benediktinern.
In der Fußballmannschaft spielt Krohn sehr früh in der Ersten und lernt, wie schön das Saufen in der Gemeinschaft sein kann.
Mit 20 weiß Hans Krohn nicht, wie es mit ihm weiter gehen soll.
Als in Deutschland die Mauer fällt, jobbt Krohn in Paris als Schauspieler – und wenn das Geld nicht reicht, wäscht er in der Salpêtrière die Böden, die Bahren und die Toten.
Paris, c’est fini. Zurück nach Bayern. Hans trägt Bier auf eine Hütte im Gebirge, er hilft bei Holzarbeiten, er macht in München den Nachtportier. Dort lernt er einen den Chef einer Werbeagentur kennen.
Hans Krohn wird Kreativer. Große Karriere. Preise. Er macht sich selbstständig. Sportwagen. Penthouse in Rom. Villa in Dahlem. Eigene Agentur. Vollgas ins neue Jahrtausend.
Er nennt sich „Krohn der Schöpfung, König der Kreativen“.
„Hans, der kann’s“ sagt er und legt die nächste Line.
Mit 40 fühlt er sich allmächtig. In Deutschland feiern die Menschen ein „Sommermärchen“, Hans Krohn ist mittendrin.
Im Winter 2007 stürzt er ab. Bricht sich beim Skifahren das Bein. Das Finanzamt lässt ihn ausbluten. Die Agentur gehorcht ihm nicht mehr. Hans Krohn kann nicht mehr. Er verdrückt sich.
Hans Krohn zieht mit seiner Frau aufs Land. Er kokst nicht, er säuft nicht, er wird Bürgermeister, er schreibt Theaterstücke und baut einen alten Hof um. Mit 50 denkt er: „Bald bin ich glücklich.“
Dann der Krebs. Dann Corona. Dann stirbt die Frau. Mit 59 ist Hans Krohn ein Untoter auf einer kurzen Reise nach Zürich.
Er lernt eine Frau kennen.
Er fährt nach Berlin.
Hier ist er jetzt.
Allein.
Und? Wie geht das weiter?
