DAMALS, GIESING
scheisszeitenwende 120
ICH
ICH?
ICH!
Das Lügen, dieses Lebens-Lügen, hat in einer Münchner Kneipe angefangen.
Giesing. Auf der anderen Straßenseite das schon damals traurige Grünwalder Stadion. Die „Löwen“ hatten ein Heimspiel, aber es war nicht viel davon zu hören.
„Die verlieren“, sagte die Wirtin und machte ein mürrisches Gesicht.
Wenn die „Sechziger“, die „Löwen“, schlecht spielten, war danach kurze Stoßzeit. Die Anhänger tranken schnell ein paar Bier gegen den Frust – dann waren sie weg in der Nacht.
Nach einem Sieg enterten die Menschen die Wirtschaft und ließen die Sau raus.
An diesem Abend hörte man keinen Jubel.
Krohn saß mit ein paar anderen mürrischen Trinkern am Tresen und füllte sich ab.
Er war allein in der Stadt. Das Studium machte keinen Spaß, mit den Kommilitonen konnte er nichts anfangen, vor den Mädchen hatte er Scheu.
Krohn war jung, einsam und über-empfindsam.
Das wird nichts sagte er zu sich. Da brauche ich gar nicht weiter zu machen. Da kann ich gleich aufhören.
Aber bevor er Schluss machte, bestellte er noch eine Halbe.
So ging das oft.
Er zog einen Block aus der Parkatasche. Kritzelte einen Gedichtanfang, trank einen Schluck, schrieb weiter am Gedicht, trank.
Wie man das so macht als einsamer Wolf in der Welt der Hemingways und Bukowskis.
Ja, genau:
Bukowski.
So einer war er.
Hans Krohn-Bukowski.
Er hatte morgens – bevor er beschloss, an diesem Tag nicht zu den Vorlesungen zu gehen – ein Gedicht gelesen, um das er Bukowski beneidete.
Ich ging in eine Bar,
Wo ein Mann mit Händen wie rote Krabben
Durch den Raum sein krankes Leben vor mir
Ausbreitete,
Und ich war völlig besoffen:
Der Spiegel meiner selbst.
Das konnte er doch auch.
Irgendwann.
Er schrieb noch eine Zeile, das Stadion seufzte (die „Löwen“ hatten wohl wieder eine Chance versemmelt), der junge Krohn war mit seinem Bier fast schon wieder zu Ende, er würde wohl lieber noch eines bestellen, wie verflixtnochmal ging das Bukowski-Gedicht weiter?
Da sprach ihn der Tresen-Nachbar an.
Und damit begann Krohns erste große Lebens-Lüge.
